"Kein Beinbruch ohne psychischen Schaden." Der ebenso schlichte wie einleuchtende Satz Florian Gebhards fasst es zusammen. Der bekannte Ulmer Unfallchirurg und Chef der Uni-Unfallklinik meint damit, dass jede Verletzung, die sich ein Mensch zuzieht, auf Geist und Seele wirkt. Die Öffentlichkeit interessiert sich für diese Zusammenhänge zwischen Physiognomie und Psychologie verstärkt, seit Soldaten der Bundeswehr in Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt geschickt werden und nicht selten mit Verletzungen heimkehren - beschädigt an Körper, Geist und Seele. Traumatisiert.

Nun ist es so, dass die klassische Medizin unter einem Trauma eine Wunde, eine Verletzung versteht, die durch Einwirkung einer wie auch immer gearteten Gewalt entstanden ist. Nicht nur körperliche Gewalt ist gemeint, sondern beispielsweise auch eine gewaltsame Einwirkung, die von einem Autounfall herrühren kann. Der Psychologe hingegen beschreibt ein Trauma als eine seelische Verletzung, ausgelöst oftmals durch eben solche physischen Verletzungen oder Belastungen.

In vielen Fällen, so erläutert Gebhard, der Chirurg, stehe die körperliche Verletzung mit der seelischen Verletzung in engem Zusammenhang. "Aber bisher ist die Traumaversorgung in Deutschland noch zu sehr segmentiert." Es bedürfe interdisziplinäre Vorgehensweisen. "Wir möchten erreichen, dass Menschen mit psychischen und physischen Verletzungen zielgerichtet, umfassend und erfolgreich behandelt werden und dabei das Zusammenspiel der beiden Ebenen ausreichend berücksichtigt wird", heißt es dazu in den Publikationen der mittlerweile gegründeten Deutschen Traumastiftung, deren Präsident Gebhard ist. Er ergänzt schlicht, aber ergreifend: "Wir müssen auch raus aus dem wissenschaftlichen Glaskasten."

"Deutsche Traumastiftung": Der Name verdeutlicht den Anspruch. Ulm strebt die bundesweite Spitzenposition in dieser Disziplin an. Gebhard und Paul Plener, Leitender Oberarzt an der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, deren Ärztlicher Direktor Jörg Fegert einer der Vize-Präsidenten der neuen Stiftung ist: Die Voraussetzungen in Ulm seien besser als anderswo, denn auf dem Campus der Wissenschaftsstadt existiere bereits ein intensiveres fächerübergreifendes Zusammenspiel der verschiedenen Traumaspezialisten und der universitären Grundlagenforschung als anderswo. Eingebunden ist das Bundeswehrkrankenhaus, das Soldaten behandelt, die traumatisiert aus den Krisenregionen heimkehren. So passt es, dass das Bundesverteidigungsministerium die Schirmherrschaft über die Stiftung übernommen hat, die auch kooperiert mit der Berliner Charité.

Fürs Tagesgeschäft der Stiftung verantwortlich ist Michael Drechsler. Ein Mann, der viele Jahre auf dem politischen Parkett agiert hat. Er war - bis zu deren Demission und der Übernahme des Botschafterpostens am Heiligen Stuhl - der Ulmer Mitarbeiter und Vertraute Annette Schavans. Die frühere Bundestagsabgeordnete hat als Wissenschaftsministerin die Ulmer Ambitionen auf dem Feld der Traumabehandlung und -forschung in der ihr eigenen Art befördert: hinter den Kulissen und ohne Getöse, dank ministeriellen Einflusses aber effektiv.

Die Aktivitäten von Medizin, Wissenschaft und Politik haben dazu geführt, dass Ende 2014 verkündet werden konnte: "Die Uni Ulm erhält von der Deutschen Forschungsgemeinschaft 11,2 Millionen Euro für die Traumaforschung. Für zunächst vier Jahre wird ein Sonderforschungsbereich eingerichtet."

Drechsler hat den Stiftungsgedanken maßgeblich mit vorangetrieben. Die wesentlichen Aufgaben der als eingetragener Verein agierenden Stiftung beschreibt er stichwortartig so: Aufklärung der Bevölkerung; Patienteninformation; Förderung von Programmen zur Vorbeugung von Traumata; Unterstützung der Fortbildung von Ärzten in Diagnostik und Behandlung; Förderung der Forschung; Zusammenwirken mit anderen Organisationen auf nationalem und internationalem Feld; Beratung staatlicher Stellen.

Ein dickes Aufgabenpaket also für die Deutsche Traumastiftung.

Die Leitung der Stiftung

Präsidium Vorsicht vor Superlativen: Aber was die Deutsche Traumastiftung da an Namen für ihr Präsidium gewonnen hat, gehört zur ersten Garde der Uni Ulm. Als da wäre als Präsident der Chef der Unfallklinik Professor Florian Gebhard, als Vizepräsidenten der Direktor des Instituts für Physiologische Chemie Professor Thomas Wirt und der Ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie Professor Jörg Fegert. Generalsekretär ist der eben aus dem Amt geschiedene langjährige Uni-Präsident Professor Karl-Joachim Ebeling, Schatzmeisterin die Leiterin des Instituts für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung Professorin Brigitte Zürn. Dem Präsidium gehören außerdem an Professor Harald Gündel, Chef der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, und als Geschäftsführer Michael Drechsler.