Ulm / Hans-Uli Mayer  Uhr

Keine Schlammschlacht sollte es am Montagabend im Theater Ulm geben, versprach die leitende Schauspieldramaturgin und Moderatorin Nilufar Münzing. Trotzdem blieb die erste Stuhlreihe der mit knapp 100 Zuhörern gut besuchten Podiumsdiskussion weitgehend leer. „Wie in der Schule“, kommentierte Münzing und versprach, nicht mit Dreck werfen zu wollen.

Mit Dreck warf niemand bei der Diskussion. Aber wie in der Schule ging es bei der Frage auch nicht zu, was eine Kolumne wie die von Walter Feucht darf und wie sehr die Meinungsfreiheit durch Kritik an ihr gefährdet sei. Die Positionen standen sich auch am Ende der zweistündigen Debatte weitgehend unverändert gegenüber.

Auf der einen Seite berufen sich die Feucht-Unterstützer auf eine Art Notstand, weil man nicht mehr sagen dürfe, was man denke, und weil die Politik vor allem in der Flüchtlingsfrage die Probleme unter den Tisch kehre, wie stellvertretend Martin Hörmann sagte, der sich dabei an die DDR erinnert sieht. Hörmann gehört zu den Unterzeichnern des Briefes der elf Ulmer Bürger und vertritt die Meinung, dass es Kolumnen wie die von Walter Feucht brauche und mithin auch die Zuspitzung und Verallgemeinerung. Hörmann: „Wir haben ein massives demokratisches Problem.“

Von den Feucht-Kritikern war niemand auf dem Podium. Die ursprünglich geladene vh-Chefin und SPD-Stadträtin Dagmar Engels hatte wegen Ungereimtheiten bei der Einladung abgesagt, nachdem sich entgegen einer anderen Absprache auch der Verein Bürgerimpulse als Mitveranstalter darstellte und mit ihm auch der Zusammenschluss von elf Ulmer Bürgern, was sich später aber als falsch herausstellte.

Schlecht geschrieben

Für die SÜDWEST PRESSE sagte Chefredakteur Ulrich Becker, dass sich der Ton im politischen Streit verschärfe. Die geäußerte Sorge aber, dass die Meinungsfreiheit gefährdet sei, kann er nicht teilen. Die Kolumne von Feucht arbeite mit schlimmen Verallgemeinerungen und sei einfach nur schlecht geschrieben. Zwar dürfe Feucht so schreiben, wie er es tue, in gleicher Weise aber dürfe man das auch kritisieren, ohne dass damit die Meinungsfreiheit eingeschränkt werde. Unterstützt wurde er dabei vom früheren Theater-Intendanten Volkmar Clauß: „Es kann doch nicht euer Ernst sein, dass der Fall Feucht die Meinungsfreiheit gefährde“, sagte er zum aktuellen Intendanten und Veranstalter Andreas von Studnitz.

Der Geschäftsführer des KSM-Verlags, Michael Köstner, reagiert und verteidigt die umstrittene Kolumne von Walter Feucht.

Der sah sich schließlich mit einem harten Angriff der Musikerin Ariane Müller konfrontiert, die viel in und mit dem Theater arbeitet und sich mehr Distanz zu Feuchts Kolumnen gewünscht hätte – vor allem klarere Worte: „Ich habe sehr darauf gewartet und leider nichts gehört.“

Müller hat über Jahre in dem Stadtmagazin Spazz ein Fotorätsel gemacht, die Zusammenarbeit nach einer anderen Kolumne Feuchts zur „Me too“-Debatte aber zurückgezogen. Die sei „mega sexistisch und frauenverachtend“ gewesen, in deren Umfeld habe sie nicht mit ihrem Rätsel erscheinen wollen. Die Kolumne zu den Flüchtlingen nennt sie „ganz rechts außen“, weshalb sie sich von Studnitz – er gehört auch zu den Unterzeichnern der elf Ulmer Bürger – ein klares Wort gewünscht hätte.

Dr. Jekyll and Mr. Hyde

Studnitz aber wolle sich diesem Zwang nicht beugen, wie er sagte. „Wenn ich es nötig habe, meine Sichtweise extra zu dokumentieren, dann habe ich hier in Ulm zwölf Jahre lang Scheiße gebaut.“ Er denke anders, und er gebrauche auch eine andere Sprache als Feucht, sehe darin aber keinen Hinderungsgrund für seine Freundschaft mit ihm. Überhaupt nerve ihn vom ersten Tag an in Ulm die „Vergatterung, gefälligst zu gehorchen“, wie er sagte.

Buchhändler Thomas Mahr zog den Vergleich mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Immer wenn Feucht seinen Stift zur Hand nehme, werde er zum Mr. Hyde und verwechsle das für gute Kolumnen notwendige Florett mit Eisenbahnschienen. Die Gefahr liege darin, dass er als Person der bürgerlichen Mitte von schlimmeren Geistern als Rechtfertigung herangezogen werde.

Die SPD fordert eine Debatte im Ausschuss über Walter Feuchts Kolumne,  die Grünen wenden sich an den Herausgeber.

Ungelöste Probleme in der Gesellschaft

Spazz Herausgeber Michael Köster hat den Verlag erst im Januar übernommen und eigenen Worten zufolge überlegt, ob es die Kolumne brauche. Wiewohl er selber vieles nicht unterschreiben würde, sieht er ungelöste gesellschaftliche Probleme, die Feucht in seinen Texten aufgreife. Die Relevanz zeige sich an der Debatte.