Wettbewerb Was Buchhändler vom Deutschen Buchpreis halten

Viel Anspruch, aber auch ein bisschen grau: Für Ernst Joachim Bauer von der Buchhandlung Aegis dürften die Titel auf der Longlist ruhig etwas unterhaltsamer sein.
Viel Anspruch, aber auch ein bisschen grau: Für Ernst Joachim Bauer von der Buchhandlung Aegis dürften die Titel auf der Longlist ruhig etwas unterhaltsamer sein. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Lena Grundhuber 04.09.2017
Derzeit liegt die Longlist auch in den Buchhandlungen der Region aus. Was bringt die Auszeichnung der Branche? Da teilen sich die Meinungen.

Das Buch der Bücher ist klein, grau und ziemlich schmal. Wenn man nicht eigens guckt, könnte man es leicht übersehen, deshalb liegt es in der Ulmer Aegis-Buchhandlung gleich neben dem Eingang – schließlich handelt es sich, grau oder nicht, um Werbung. Werbung in Form von Leseproben der 20 angeblich interessantesten aktuellen Romane deutscher Sprache, Werbung auch für den Buchhandel generell. Die Longlist des Deutschen Buchpreises mit 20 Titeln soll der Branche Aufmerksamkeit verschaffen, weshalb die Ausschreibung einer ausgeklügelten Dramaturgie folgt: Am 12. September wird die Shortlist mit den sechs Büchern bekanntgegeben, die in der engeren Auswahl sind, am 9. Oktober zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse wird der „beste Roman des Jahres“ prämiert.

„Lesen soll unterhalten“

Ein großer Auftritt also, doch bei Ernst Joachim Bauer von der Buchhandlung Aegis hält sich der Enthusiasmus in Grenzen. Als der Preis vor 13 Jahren eingeführt wurde, seien noch interessante Titel ausgewählt worden, sagt er, „anspruchsvoll, aber mit Unterhaltungswert“. Gerade letzteren aber hat Bauer in den vergangenen Jahren etwas vermisst. „Ich bin der Meinung, Lesen soll auch unterhalten und Freude machen“.

Unter diesem Aspekt sei auch die aktuelle Liste durchwachsen, findet er. Immerhin aber sei mit Mirko Bonné ein wunderbarer Erzähler darunter. Sein Tipp: Robert Menasses „Die Hauptstadt“. In gewisser Hinsicht sei das zwar ein Männerroman, aber eben auch ein politisches Buch mit viel Ironie. Auch „Peter Holtz“ vom „alten Haudegen“ Ingo Schulze gebe Hoffnung – und so schließt Bauer nach einem Durchgang durchs graue Büchlein doch versöhnlich: „Wenn ich diese Longlist sehe, dann habe ich nicht den Eindruck, dass sie so abgehoben ist, wie sie schon mal war.“

Gemischte Gefühle hat offenbar auch Martin Gaiser vom Bücherpunkt Blaubeuren. Auf ein „Longlist-Bashing“ wolle er sich nicht einlassen, grundsätzlich sei alles positiv, was dem Buchhandel Aufmerksamkeit verschaffe. Auch, dass die Jury jährlich neu besetzt werde, findet er sehr hilfreich. „Aber ich finde kaum was auf der Liste, was mich interessiert“. Früher habe ihm die Longlist Entdeckungen gebracht, wie Arno Geiger, wie Katharina Hacker. Doch inzwischen empfänden viele die Liste als Empfehlung für ausgemachte Feuilleton-Leser: „Der Buchpreisträger ist der beste Roman aus Literaturkritikersicht“, meint Gaiser.

Wesentlich positiver klingt das in Langenau. „Ich finde die Preise generell sehr wichtig“, sagt Angelika Mahr, „einfach weil das Hauptaugenmerk auf dem Buch liegt – und oft auf Büchern, die sonst wenig Aufmerksamkeit bekämen.“ Lyriker zum Beispiel rückten für viele Leser so erst in den Fokus. Natürlich sei man in der Buchhandlung oft geteilter Meinung und dieses Mal sei die Liste „nicht ganz einfach“. Als breit vermittelbar schätzt Mahr „Kraft“ von Jonas Lüscher ein. Und natürlich Ingo Schulze, der am 23. Oktober bei den Langenauer Lesungen zu Gast ist.

Schließen wir mit dem, der die größte Begeisterung zeigt: Samy Wiltschek von Jastram empfindet den Buchpreis als „Riesenwerbung für die Branche“. Die letzten Preisträgerromane seien nicht so gut verkauft worden, dafür seien sie im Gespräch. Der Buchbranche gehe es nicht gut, immer mehr Kollegen müssten aufgeben. Da sei alles recht, was das Buch in den Blickpunkt rückt. Gut, manchmal wünsche man sich zwar, dass weniger verkopfte Titel auf der Liste stünden, sondern mal etwas Witzigeres. Wiltscheks Favoritin: Christine Wunnickes Roman „Katie“. Ein besonderes Buch, „richtig schräg“.

Samy Wiltschek spricht auch einen anderen Punkt an: Ein großer Wettbewerb wie der Deutsche Buchpreis ziehe in seinem Windschatten kleine Wettbewerbe nach sich, so wie die „Hotlist“ der unabhängigen Verlage, für die der Ulmer Verlag Topalian & Milani mit Arno Tauriinens Buch „Goldgefasste Finsternis“ im Rennen ist: „Und wenn so ein Buch auf einer Liste steht, ist das doch super!“

20 Kandidaten stehen zur Wahl

Die Titel auf der Longlist: Mirko Bonné: Lichter als der Tag, Gerhard Falkner: Romeo oder Julia, Franzobel: Das Floß der Medusa, Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede!, Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen, Thomas Lehr: Schlafende Sonne, Jonas Lüscher: Kraft, Robert Menasse: Die Hauptstadt, Birgit Müller-Wieland: Flugschnee, Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten, Marion Poschmann: Die Kieferninseln, Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo, Robert Prosser: Phantome, Sven Regener: Wiener Straße, Sasha Marianna Salzmann: Außer sich, Ingo Schulze: Peter Holtz, Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen, Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen, Christine Wunnicke: Katie, Feridun Zaimoglu: Evangelio.

Bei Jastram findet am 4. Oktober, 19 Uhr, das „Shortlistlesen“ statt – mit Abstimmung noch vor jener der Jury.