Ulm Warum zwei junge Grüne für den Gemeinderat kandidieren

Rafael Reuther und Lena Schwelling wollen sich auch für die jüngere Generation einsetzen - und deren Interesse an Politik wecken. Foto: Matthias Kessler
Rafael Reuther und Lena Schwelling wollen sich auch für die jüngere Generation einsetzen - und deren Interesse an Politik wecken. Foto: Matthias Kessler
YASEMIN GÜRTANYEL 12.04.2014
Lena Schwelling und Rafael Reuther wollen ein Sprachrohr für ihre Generation sein, aber auch deren Interesse an politischen Themen wecken. Die zwei jungen Ulmer Grünen kandieren für den Gemeinderat.

Als sie 15 Jahre alt war, ist Lena Schwelling den Jungen Grünen beigetreten. "Ich wollte die Welt retten", sagt die heute 21-jährige Studentin. Im Prinzip wolle sie das immer noch. "Aber ich dachte, ich fange jetzt erst mal mit Ulm an", meint sie lachend. Daher kandidiert sie für den Ulmer Gemeinderat, auf Listenplatz 3 hat sie sogar ganz gute Chancen, dass es klappt. Überhaupt, findet sie, der Gemeinderat sei völlig überaltert. Die junge Generation habe kein Sprachrohr, vor allem, weil die bisher jüngsten Gemeinderatsmitglieder, Jessica Kulitz und Christoph Nagel, beide CDU, nicht mehr kandidieren.

Das Durchschnittsalter könnte auch Lenas Parteikollege Rafael Reuther ziemlich senken: Er wird pünktlich vor der Wahl 18. Da er aber auf Listenplatz 24 ist, rechnet er nicht damit, tatsächlich gewählt zu werden. "Es wäre natürlich toll", sagt der Schüler. "Aber ich helfe lieber mit, einen guten Wahlkampf abzuliefern." Während Lena dafür eine Art Urlaubssemester einlegt, verlegt Rafael die Parteiarbeit auf die Wochenenden.

Auf die Grünen ist er - wie übrigens auch Lena - zunächst gekommen, weil er gegen Atomkraft ist. Ebenfalls mit 15 Jahren. "Das ist wohl das Grünen-Alter", meint Lena. Ihr lagen damals auch die Themen Umwelt- und Tierschutz sehr am Herzen. Und Rafael ist, vor allem durch den Unterricht am Biotechnologischen Zweig der Valckenburg-Schule, auf die Gentechnik gestoßen. Ein Thema, das ihn aufregt. "In der Landwirtschaft wird damit viel Unfug getrieben", sagt er. Generell gegen die Technologie ist er aber nicht, zu medizinischen Zwecken findet er sie sogar wichtig, etwa um Insulin für Diabetiker zu generieren. "Sie darf nur das Labor nicht verlassen."

An lokalen Themen erwärmen sich beide für den öffentlichen Nahverkehr. Sie wollen sich etwa dafür einsetzen, dass Schüler und Auszubildende nach 14 Uhr umsonst mit den Bussen fahren dürfen, Nachtbusse sollten keinen Aufschlag kosten - und den Club-Zeiten angepasst sein, betont Rafael.

"Es wären weniger Autos unterwegs, das ist gut für die Umwelt und die Stadt wäre weniger verstopft", sagt Rafael. Er selbst ist übrigens entweder mit dem Bus oder Fahrrad unterwegs - was ihm als Triathleten nicht allzu schwer fallen sollte. Überhaupt achten Lena und Rafael darauf, sich umweltbewusst zu verhalten. Beide sind Vegetarier, kaufen bevorzugt Fairtrade- und Bio-Lebensmittel oder auf dem Markt ein, auch Lena benutzt das Auto kaum. "Ich habe zwar eins, aber das ist eher ein Familien-Carsharing-Modell, seit drei Monaten ist das Auto bei meinem Vater in Tübingen", sagt sie. Weder Rafael noch Lena würden aber behaupten wollen, dass sie immer perfekt wären. "Ich mache schon auch Abstriche, zum Beispiel bei Klamotten", sagt Lena.

Den typischen Grünen-Vorurteilen begegnen sie mit Humor. Etwa, dass ihre Partei die Menschen bevormunden will. "Das ist doch absurd, das würde gar nicht funktionieren", sagt Lena. Im Gegenteil, mit Vorschlägen wie dem Veggie-Day wolle man die Menschen eher zum Nachdenken anregen. "Man kann sich ja schon mal überlegen, ob die Welt mit so viel Fleischkonsum überhaupt klarkommen kann."

Zum Denken, genauer zum politischen Denken, wollen Rafael und Lena im Übrigen besonders auch ihre Altersgenossen bringen. "Viele wissen nicht einmal, dass sie mit 16 jetzt wählen dürfen", erzählt Rafael. Auch Lena, die in Stuttgart Geschichte und Germanistik studiert, hat einschlägige Erfahrungen gemacht. Besonders in ihrem Studiengang lässt einen das schon nachdenken. "Ich glaube, viele junge Menschen achten nur noch auf die Noten", meint Rafael. Eine eigene Meinung zu entwickeln, sich politisch zu engagieren, passe da nicht rein. "Im Gegenteil, man könnte dann ja anecken, was sich negativ auf die Noten auswirken könnte."