Burlafingen / MAGDI ABOUL-KHEIR  Uhr
Seit geraumer Zeit zeigt die Walther Collection Foto-Serien aus 100 Jahren. Diese "Ordnung der Dinge" ist dieser Tage erstaunlich aktuell.

Es sind meist ältere, weiße Männer. Formell im Anzug stehen sie da, schauen staatstragend mit ernstem Blick direkt in die Kamera. Gerald Ford, Henry Kissinger, Jimmy Carter, Ronald Reagan, Donald Rumsfeld, George W. Bush. Es ist die herrschende Klasse Amerikas, der Star-Fotograf Richard Avedon 1976 in „The Family“ ein Gesicht verlieh: vor allem Spitzenpolitiker, aber auch Gewerkschaftsfunktionäre, Wirtschafts- und Medienbosse.

40 Jahre ist diese Foto-Serie alt, mit der Avedon im Auftrag des „Rolling Stone“ ein kollektives Porträt der amerikanischen Elite anfertigte. Und auch wenn sich die realen  Herrschaftsverhältnisse in USA gar nicht mal so viel verändert haben dürften in diesen vier Jahrzehnten, so mag man doch über den Kontrast staunen zu repräsentativen Ich-Inszenierungen der politischen Spitzen in der bilderüberfluteten Jetztzeit: Wie könnte man sich den narzistischen Choleriker Donald Trump vorstellen in einer solcher Reihe? Und die ungeliebte Hilary Clinton?

Solche Fragen tun sich auf, in der Ausstellung „Die Ordnung der Dinge“, die noch bis in den November in der Walther Collection in Burlafingen zu sehen ist. Auffallend an Avedons Serie „The Family“ ist auch die distanzierte Haltung des Künstlers zum Porträtierten. Darauf wies jetzt die Hannoveraner Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin Ulrike Schneider in einem Vortrag hin, den sie in der Walther Collection hielt. Sie zeigte per Beamer die Aufnahme einer musealen Präsentation der 69 Avedon-Porträts und musste dann lachen: „Ich wusste nicht, dass ich die hier in Sichtweite habe“ – tatsächlich zeigt Sammler Artur Walther die komplette Serie in seiner derzeitigen Ausstellung.

„Die Ordnung der Dinge“ widmet sich vor allem seriellen, aber auch sequenziellen fotografischen Erzählungen. Bedeutende Arbeiten aus hundert Jahren sind versammelt, aber historisch wirkt das Thema nicht. Welche Erkenntnisse liefert uns eine tradierte künstlerische Herangehensweise in einer Zeit, in der die Dinge nun gerade nicht in Ordnung sind und auch keine Ordnung haben? Welche Aussagen kann sie treffen in einer Phase gravierender Irritationen und Veränderungen?

Der Hintergrund der seriellen Porträtfotografie findet sich im späten 19.?Jahrhundert: zum Beispiel in polizeilichen Erfassungsfotos, in wissenschaftlichen Versuchen der Klassifizierung und Typologisierung. Im frühen 20.?Jahrhundert vollzog sich der Schritt in die künstlerische Arbeit – gerade in den 20er Jahren, also der Blütezeit der illustrierten Blätter und des Kinos. August Sanders monumentales, allerdings unvollendetes Fotoprojekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ ragt dabei heraus – Sanders eigene Auswahl „Antlitz der Zeit“ mit 60 Bildern gehört zum Grundstock von Artur Walthers Sammlung und zu den Glanzstücken der aktuellen Ausstellung.

Der Geldbriefträger, der Zöllner, der Betriebsingenieur, der Kräuterheilkundler, Landproletarierkinder, Revolutionäre, der Wirt und seine Frau: Sander hat Menschen verschiedener Berufsgruppen und sozialer Schichten in ihrem alltäglichen Lebensumfeld, ruhig in die Kamera blickend, fotografiert. „Menschen des 20.?Jahrhunderts“ war soziologisch motiviert, Sanders wollte nichts Geringeres als „das physiognomische Zeitbild einer ganzen Generation“ schaffen, wie Ulrike Schneider ausführte. Er wollte – sachlich, mit wissenschaftlich-systematischer Methode – die Gesellschaft der Weimarer Republik belichten. Wobei die Bilder erst in der Zusammenschau Sinn ergeben, wie ein Mosaik. Das Riesenwerk blieb unvollendet – und zu welchen irritierenden Ergebnissen würde ein solcher Ansatz erst heute in der endlos diversifizierten Welt führen?

Wo Sanders noch den Anspruch hatte, das objektiv Typische herauszuarbeiten, hatte sich die serielle Fotografie in der Folge zu Ansätzen hin entwickelt, ein breites Spektrum existenzieller menschlicher Erfahrungen zu zeigen – der Wunsch nach Ordnung und Vollständigkeit ist als Illusion entlarvt worden. Ulrike Schneider – früher im Sprengel-Museum für Fotografie und Neue Medien zuständig, heute Referentin für Bildende Kunst der Niedersächsischen Sparkassenstiftung – hatte famose Beispiele parat. Etwa Nicholas Nixons Serie „Brown Sisters“: vier Schwestern, die seit 1976 einmal pro Jahr fotografiert werden. Oder Hans-Peter Feldmanns „100 Jahre“: 101 Aufnahmen vom Neugeborenen bis zum 100-Jährigen.

Ein Einzelbild sei oft zu bedeutungsschwanger, zitierte Schneider Feldmann; eine Serie bilde den Durchschnitt ab, der viel mehr aussage. Aber hinter manchen Serien steht auch einfach das leidenschaftliche bis obsessive Interesse an einem Motiv, betonte Schneider und zitierte Tamara Grcic: Am Anfang steht das Interesse an einem Phänomen, und dem folgt der „Wunsch, es immer wieder anschauen zu wollen, so wie wenn man verliebt ist“. Die Ausstellung „Die Ordnung der Dinge“ bietet auch dem Betrachter zahlreiche Möglichkeit, sich in Bilder zu verlieben.

Ausstellungen

Walther Collection Die Foto-Ausstellung „Die Ordnung der Dinge“ läuft noch bis 20.?November in der Walther Collection in Burlafingen (Reichenauerstraße 21). Die ergänzend dazu gezeigten Porträtserien des deutschen Fotografen Albrecht Tübke sind dort noch bis 21.?August zu sehen. Von 11.?September an werden dann Neuzugänge der Walther Collection ausgestellt.

Öffnungszeiten Kostenfreie Ausstellungsrundgänge (ohne Führung) gibt es jeden Freitag (Beginn um 17 Uhr) sowie Samstag und Sonntag (Beginn jeweils um 15 Uhr). Eine öffentliche Führung findet jeden ersten Sonntag im Montag um 15 Uhr statt. Private Führungen sind nach Vereinbarung möglich. Kontakt: info@walthercollection.com oder 0731/176?91?43.