Waldorfschüler sorgen mit Frisch für Gänsehaut

UDO EBERL 27.07.2012

Für intensive Gänsehaut-Momente sorgten Zwölftklässler der Ulmer Waldorfschule mit Max Frischs dramatischen Bühnenstück "Nun singen sie wieder".

Am Ende der insgesamt sehr gut besuchten vier Vorstellungen von "Nun singen sie wieder" waren sich die Besucher einig. Dies war selbst bei genauem Blick zurück einer der Klassenspiel-Höhepunkte der vergangenen Jahre an der Waldorfschule in der Römerstraße. Die Wahl der Schüler war auf Max Frischs Theaterstück aus dem Jahre 1945 gefallen, das bis in die 60er Jahre häufig an deutschsprachigen Bühnen gespielt wurde. Aber hat uns der Autor heute noch etwas zu sagen?

Diese Frage konnten die Zwölftklässler, die als Kollektiv überzeugten und das Stück auch inhaltlich lebten, und ihr Münchner Regisseur Paul Harnischfeger sehr schnell beantworten. Bereits im Schaukastenformat erlebte man intensiv das Ringen um das letzte Maß an Menschlichkeit, das Abstumpfende und zugleich Extreme einer Ausnahmesituation wie dem Krieg, die verschiedenen Blickwinkel der selben Situation. Hier Karl, der nach dem Massaker an Kindern und Frauen, die singend in den Tod gingen, aus Gewissensgründen desertiert und sich am Ende das Leben nimmt. Dort Herbert, der machtverliebt zur Kriegsmaschine wird. Angreifer und Opfer - die Rollen werden schon bald getauscht, Wahrnehmungen verändern sich - ob bei den im Bombenhagel sitzenden Familien in der Heimat oder bei den Piloten, die die Kampfmaschinen fliegen.

Die Theatertruppe konnte nach der Pause zudem mit einer ganz und gar theatralisch gedachten Inszenierung überzeugen. Die vorderen Reihen waren zur Seite gerückt, der Saal wurde zur Spielfläche, die Besucher saßen inmitten einer virtuellen Klosterruine, umgeben von den Verstorbenen, den Herumirrenden, den gezeichneten Lebenden. Brot und Wein wurden geteilt, der Chor der Toten im Kerzenschein versuchte, den Weg der Versöhnung zu weisen. Doch am Ende blieb auch die Gewissheit, dass es den ewiglich Unverbesserlichen wohl immer nach Rache dürsten wird. Starke Bilder, intensiv gespielt. Von Schülern, die verstanden haben.