Neu-Ulm Wahrzeichen mit Aussicht: Der Neu-Ulmer Wasserturm

Neu-Ulm / RUDI KÜBLER 27.08.2014
Eines vorweg: Der Neu-Ulmer Wasserturm ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Aussicht vom Neu-Ulmer Wahrzeichen, seit 1962 außer Betrieb, ist grandios. Nur: Schwindelfrei sollte man sein.

Die letzte Treppe ist sehr schmal. Und sehr steil. Und ganz oben dringt nur wenig Licht durch die Ritzen der Fensterläden. Wer sich hier wohl fühlt, wird klar, als Markus Krämer eben diese karmesinroten Läden öffnet. Einen nach dem anderen. Spinnweben en masse. Wahrscheinlich warten sie dort, in den Verstrebungen, auf denen die blecherne Turmspitze sitzt: possierliche Tierchen, die sich sofort auf die Person abseilen, die ihr Dunkel stört. Aber: Der Neu-Ulmer Stadtbaudirektor bleibt verschont, auch als er den vierten von insgesamt acht Fensterläden geöffnet hat. Taghell ist es jetzt - die Aussicht vom Achteck grandios, wohin der Blick auch geht. Ob nach Nordosten, über das Donaucenter hinweg zu den Böfinger Hochhäusern, oder nach Südwesten, ins Grün des Glacis und weit darüber hinaus.

Je nun, der Neu-Ulmer Wasserturm. Das Wahrzeichen der Stadt. 47 Meter hoch, schön anzusehen, putzig, stuckig, lachsfarben. Auf der Rangliste der schönsten Gebäude Neu-Ulms steht er auf Platz 1 - und dann kommt lange nichts. Platz 2 fällt uns im Moment nicht ein. Wer will, kann ihn hinaus in die weite Welt schicken - auf Ansichtskarten macht der Turm einiges her. Die Karten zu bekommen, gestaltet sich allerdings als schwierig: Man schaut in staunende Gesichter. Ansichtskarten von Neu-Ulm? Wer will die denn? Auch auf der Homepage der Stadt unter dem Stichwort "Neu-Ulm erleben" ist er zu finden. Aber: Erleben lässt er sich nun wirklich nicht, für die Öffentlichkeit ist der Wasserturm geschlossen. Unten am Treppenaufgang warnt ein Schild: "Begehung des Turmes nur in Begleitung einer eingewiesenen Person auf eigene Gefahr." Gut, dass der neue Stadtbaudirektor mit dabei ist, "ich bin eine eingewiesene Person", sagt Krämer, der ein offener Typ ist. Er öffnet alles, Türen, Fenster. Er, der erst seit dem Frühsommer im Amt ist, will sich selber einen Eindruck davon verschaffen, wie es um das Wahrzeichen bestellt ist.

Zur Historie: Gebaut wurde der Wasserturm ausgangs des 19. Jahrhunderts in Rekordzeit. Im Oktober 1898 begannen die Arbeiten unter Krämers Vorvorvorvorvorvorgänger Karl Walder, und wenn es stimmt, was Ferdinand Zenetti im Buch "Stadt Neu-Ulm 1869 - 1994" schreibt - woran wir eigentlich keinen Grund zu zweifeln haben -, dann ging das Wasserwerk bereits ein halbes Jahr später, im April 1899 also, in Betrieb. Warum genau dort? Das hatte zwei Gründe: Zum einen hatten Geologen überall in der Stadt nach Grundwasser in guter Qualität gebohrt, vergeblich. Innerhalb des Festungswalls wurden sie schließlich fündig, die Wasserqualität der Brunnen war sogar hervorragend. Zum anderen hatte dieser Standort einen großen Vorteil: Das ehemalige Pulvermagazin war auf einem massiven Kalkstein gebaut, der Sicherheit wegen. Dieses Fundament nutzte der Stadtbaumeister und ließ darauf den Wasserturm errichten. Bis das Wasser allerdings aus den Hahnen floss, sollten aber noch eineinhalb Jahre vergehen. Das Leitungsnetz musste erst noch verlegt werden. Am 24. Oktober 1900 hieß es für die 470 Neu-Ulmer Haushalte: Wasser marsch!

Das erste Obergeschoss war bis in die 1950er-Jahre über eine Freitreppe erreichbar, dann wurde sie abgetragen. Der Eingang ist noch gut als solcher auszumachen, am klassizistisch gehaltenen Portal mit der Inschrift "Wasserwerk Neu-Ulm". Heute ist dieses erste Obergeschoss nurmehr über die Innentreppe zugänglich, die irgendwann in den vergangenen Jahren erneuert wurde. Im 1. OG steht auch noch die ursprüngliche Turmspitze, fünf Meter hoch, sie war im Zweiten Weltkrieg beschädigt und später nur notdürftig repariert worden. 2001 ließ der Stadtrat sie ersetzen.

Weiter gehts. Stufe für Stufe. Rund 200 Stufen sind es insgesamt bis unter die blecherne Turmspitze. Allerdings: Die Treppen werden enger, das Geländer wird schmaler, der Handlauf wirkt ganz oben im Turm reichlich improvisiert. Krämer lacht. "Das sind ja Wasserleitungen." In der Tat. Ein Geländer aus Wasserleitungen. Originell oder sparsam? Originell und sparsam! Doch, jetzt sind wir schon wieder ganz oben, wir wollten eigentlich ins fünfte und sechste Obergeschoss. Zur Behälteretage, wie es in der Fachsprache heißt. Dort, wo das Bauwerk auskragt, ist das Kernstück des Wasserturms, der von einer Stahlkonstruktion gehaltene Hochbehälter. 350 Kubikmeter Wasser hat das Wasserreservoir einst gefasst, ein so genannter Intze-Behälter, benannt nach dem Ingenieur Otto Intze. Jetzt ist der Behälter leer, schimmert so zwischen Grünspan und Rost, zusammengehalten von Tausenden von Nieten. Das Wasser wurde früher hochgepumpt, um von hier mit gleichmäßigem Druck an die Haushalte verteilt zu werden, erklärt Krämer. "Pumpen hätten das nicht leisten können."

1962 war dann Schluss, der Wasserturm wurde eingemottet, zwischenzeitlich saniert. Und so steht er im Kollmannspark und ist nett anzuschauen. Ob das Technik-Denkmal noch eine Verwendung findet? Im Gespräch sind Künstler-Ateliers, doch dafür, sagt Krämer, fehlten die sanitären Anlagen. Wobei: Ausstellungen im Erd- und im 1. OG kann sich der Stadtbaudirektor vorstellen, weiter oben ist es, ja, nicht gerade kriminell, aber dann doch zu gefährlich. "Vielleicht kann man mal eine geführte Gruppe rauflassen, aber das oberste Achteck lässt sich nicht begehen." Geschätzte acht Quadratmeter, mehr sind es dort oben nicht, und wenn die Fenster geöffnet sind, dann wird es nicht nur luftig, sondern beschleicht einen ein etwas mulmiges Gefühl. "Die Brüstungen sind sehr niedrig", sagt Krämer. Dann hält man sich gern am Geländer fest - auch wenn das nur eine Wasserleitung ist.