Spielzeugfiguren vor Miniaturhäusern. Kunterbunte Antennen auf den Dächern, Matell-Autos auf den Sträßchen. Dias als Fenster, dahinter Lichtlein und Lämpchen. Wer sich der Installation „Qalandia“ im Untergeschoss des Stadthauses unvoreingenommen nähert, wird an der spielerischer Leichtigkeit dieses Weltentwurfs seine Freude haben – und überrascht sein, wenn er den ernsten, ja existienziellen Hintergrund dieser Arbeit von Wafa Hourani aus Ramallah erfährt.

„Qalandia“ ist ein Flüchtlingslager im Westjordanland, das 1948 entstand, als mit der israelischen Staatsgründung Tausende Palästinenser gezwungen waren, umzusiedeln. Hourani – der 1979 geboren wurde und aus einer Flüchtlingsfamilie stammt, auch wenn er selbst nicht im Camp aufgewachsen ist – spinnt in seinem Kunstwerk die reale Geschichte in eine fiktive Historie fort. Er hat drei architektonische „Qalandia“-Modelle gebaut: Das erste (2047) zeigt die Stadt rund hundert Jahre nach der Staatsgründung Israels, das zweite (2067) hundert Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg und das dritte (2087) hundert Jahre nach der ersten Intifada. Dieses dritte „Qalandia“ präsentiert er nun nach zwei Wochen detailversessener Aufbauarbeit im Stadthaus – auf Einladung der Griesbadgalerie im Rahmen des Projekts „Café Beirut“.

Ein Blumengarten für Liebende, ein Basketballplatz und ein ziviler Flugplatz statt einem militärischen: „Qalandia 2087“ ist die positivste Version. Wobei Hourani seine Kunst als Mittelweg zwischen optimistischer Weltsicht (oder: Utopie) und pessimistischer Perspektive (Dystopie) betrachtet, wie Martin Leibinger von der Griesbadgalerie bei der Eröffnung ausführte.

Hourani hat experimentellen Film studiert, und „Qalandia“ erzeugt Kopfkino. Hinter vielen Details des Modells steht dabei die fiktive Erzählung, die sich Hourani als Fortsetzung der realen Historie ausgedacht hat. Da spielen etwa Spiegel eine zentrale Bedeutung: von einer „Palestinian Mirror Party“ ausgedacht, um die Illusion von mehr Raum zu schaffen – die aber auch zur künstlerischen Selbstreflektion führt. Und da werden Goldfische zu einer Metapher für Sehnsucht nach Meer und Freiheit – in der Installation schwimmen tatsächlich lebende Goldfische.

Aber für Hourani ist „Qalandia“ vor allem ein „atmosphärisches“ Kunstwerk, das Gefühle vermitteln und auch emotional verstanden werden soll. So gehören Klänge und Gerüche zur Installation.

Das Werk schreibt auch seine eigene (Ausstellungs-)Geschichte fort: In New York und Istanbul sind schon Elemente hinzugekommen, aus München, wo „Qalandia“ im Haus der Kunst zu sehen war, stammt eine kleine Hofbräuhausdame; und nun sitzt auf der höchsten Antenne ein Ulmer Spatz.

Das ist wohl die schönste Aussage von Wafa Houranis „Qalandia“: Dass man allen Widernissen und der Gewalt tatsächlich etwas entgegensetzen kann. Nämlich die Fantasie, die Fabulierlust, das Erzählen.

Café Beirut

Projekte
„Qalandia 2087“ ist bis 14. August im Stadthaus zu sehen. Am Donnerstag, 4. August, zeigt Wafa Hourani dazu im Café Beirut (Gideon-Bacher-Str. 3) seine Performance „Palmystery“. Noch ein Café-Beirut-Projekt: Heute, Samstag, 19 Uhr, wird in der Galerie der SÜDWEST PRESSE Azadeh Akhlaghis „By an Eyewitness“ eröffnet.