In das Modelleisenbahngeschäft müsse er noch schauen, meint Wafa Hourani und lacht. Der Laden in der Herrenkellergasse hat es ihm angetan, denn der Künstler aus Ramallah ist ja selbst gewissermaßen als Modellbauer tätig. Man kann ihm gerade täglich dabei zusehen im Untergeschoss des Stadthauses, wo Hourani bis zur Vernissage am Mittwoch seine Miniaturwelt aufbaut.

Eine deutsche Dampflok wird man freilich vergebens suchen zwischen den grauen Fassaden. Denn die Installation, die da auf mehreren Tischen in die Höhe und Breite wächst, heißt „Qalandia“ wie das palästinensische Flüchtlingslager zwischen Jerusalem und Ramallah. Tausende Menschen leben in dem Camp, das 1949 – nach der israelischen Staatsgründung – entstand. Eine Welt am Checkpoint, hinter der Mauer, die das Westjordanland heute von Israel trennt.

Trotzdem wachsen auf den Dächern von Houranis „Qalandia“ bunte, fantasievolle, weiblich geformte Antennen; wenn man genauer hinsieht, sind es häufig Figuren mit Instrumenten in der Hand. In einem Aquarium schwimmen Goldfische. Es gibt einen Basketballplatz und einen Blumengarten für Liebende, denn das Camp ist, wenigstens zum Teil, eine Utopie. Es ist ein Entwurf des Lagers, wie es im Jahr 2087 aussehen könnte, hundert Jahre nach der ersten Intifada. Wafa Hourani hat die Installation unter anderem schon im New Museum in New York und im Münchner Haus der Kunst gezeigt. Nun präsentiert er sie auf Einladung der Griesbadgaleristen im Rahmen des Projekts „Café Beirut“ im Stadthaus, das der Leihgabe der Collection Nadour Düsseldorf Asyl gewährt.

Das architektonische Modell ist der dritte, letzte und optimistischste Teil einer Reihe, die den Zustand von Qalandia jeweils hundert Jahre nach einem einschneidenden Datum palästinensischer Geschichte entwirft: 2047 – rund hundert Jahre nach der Staatsgründung Israels, 2067 – hundert Jahre nach dem Sechs-Tage-Krieg, und eben 2087. Aus dem Militärflughafen ist ein ziviler Airport geworden, und es gibt palästinensisches Taybeh-Bier in dem Café hinter der Mauer am Checkpoint, die auf zwei Seiten verspiegelt ist.

Der Spiegel, der auch in einem winzigen „Spiegel-Garten“ auftritt, ist eine zentrale Metapher, als Zeichen der Selbstreflexion: „Ich wollte auch die Palästinenser infrage stellen“, sagt Hourani. Aus den Steinwürfen der ersten Intifada seien Bombenattentate geworden, Korruption und Hoffnungslosigkeit schwächten den Widerstand. Stärke müsse von innen kommen, meint Hourani, aus einer kulturellen, kommunikativen Bewegung: „Ich glaube an die Kunst.“ Im Spiegel der Kunst wird die Politik zur fröhlich abgedrehten Science Fiction, zur fiktiven „Palestinian Mirror Party“. Hundert Jahre nach der Intifada schließt sie ein Abkommen mit der israelischen Regierung, „demzufolge die Palästinenser alle Gebiete zurückerhielten, die ihnen 1967 weggenommen wurden“, wie es auf einer Zeitleiste heißt, die ihre Geschichte, kaum überraschend, klar aus palästinensischer Perspektive erzählt.

Dennoch: Dies hier versteht sich nicht als rein politische, dokumentarische Kunst, sagt Wafa Hourani, der ursprünglich vom Film herkommt.  „Ein Bild ist nicht genug, um die Situation zu verstehen.“ Sein „Qalandia“ bietet viele Bilder, bringt den wandernden Betrachter dazu, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Im handgemachten Modell wird aus der verfahrenen Situation ein Zustand, der Veränderung denkbar macht, gerade weil kein globales Urteil präsentiert, sondern das Minidrama des alltäglichen Lebens erzählt wird. Ein Gegenentwurf zur plakativ vereinfachenden Erzählung der Medienbilder – verspielt, poetisch, schräg und übrigens auch klingend. Und je nach Kontext erweiterbar, vielleicht findet sogar der Ulmer Spatz ein Plätzchen.

Wafa Hourani kommt aus einer Flüchtlingsfamilie, auch wenn der 1979 Geborene nicht mehr im Camp groß geworden ist. „Ich kann das verstehen.“ Und trotzdem beobachten. Die Fotos, die er in Qalandia gemacht hat, sind zum Collagematerial etwa für die Hausfassaden geworden. Die Fensterläden dieser Häuser, erzählt Hourani, seien im echten Camp meist geschlossen. Als er mit seinen Fotos dasaß, das Schneidemesser in der Hand, habe er plötzlich begriffen, dass er dieses Bild benutzen musste, um ein neues zu kreieren: nahm sein Messer, schnitt in die Realität, öffnete die Fenster.

Veranstaltungen des Café Beirut

Im Stadthaus eröffnet Wafa Houranis „Qalandia 2087“ am Mittwoch, 27. Juli, 19 Uhr, (bis 14. August).

In der SÜDWEST PRESSE-Galerie präsentieren die Griesbadgaleristen die iranische Fotografin Azadeh Akhlaghi mit der Schau „By an Eyewitness“. Eröffnung: 30. Juli, 19 Uhr, in der Olgastraße 129 (bis 28. August).

Im Café Beirut sind bis morgen, Sonntag, Arbeiten des libanesischen Zeichners und Experimentalmusikers Mazen Kerbaj zu sehen (Gideon-Bacher-Straße 3, geöffnet Do/Fr 18-23, Sa/So 14-23 Uhr).

In der Stiege ist aktuell Rima Najdi (Beirut/Berlin) mit einer Plakataktion zu Gast (bis 7. August in der Stiege an der Herdbrücke, Die Künstlerin ist bis 25. Juli anwesend).