Ulm Wachsamkeit als wichtige Tugend

Aleida Assmann, eine Koryphäe der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung, sprach in Ulm. Foto: Pressestelle Uni Konstanz
Aleida Assmann, eine Koryphäe der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung, sprach in Ulm. Foto: Pressestelle Uni Konstanz
VERENA SCHÜHLY 16.02.2013
Erinnern hält den Blick nicht in der Gegenwart fest, sondern gibt Orientierung für Gegenwart und Zukunft. Ein Plädoyer für - auch politische - Erinnerungskultur hielt Professorin Aleida Assmann in Ulm.

"Erinnerungskultur und politische Bildung haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick scheint." Das sagte am Donnerstag Aleida Assmann, ausgezeichnete Wissenschaftlerin der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung von der Uni Konstanz, als Festrednerin bei der Stiftung Erinnerung Ulm. Die Professorin für Kulturwissenschaften sprach an der zehnten Jahrestagung der Stiftung, die sich für Demokratie, Toleranz und Menschenwürde einsetzt und die Arbeit des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg unterstützt.

Assmann erinnerte daran, dass es den heute gängigen Begriff Erinnerungskultur erst seit etwa 30 Jahren gebe. In den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs und des Naziterrors sei es zunächst um Vergessen, später um Vergangenheitsbewältigung gegangen.

Erinnerung ist kein statischer, sondern ein "dynamischer Prozess". Beispielsweise weil Zeitzeugen aussterben, die bislang durch ihr individuelles Zeugnis "eine emotionale Brücke zur Vergangenheit" schlagen konnten in Schulen, in der Bildungsarbeit, bei Gedenkveranstaltungen. Hier kommen nun mehr Filme oder andere Medien zum Einsatz, um die Gefühlsebene zu erreichen und nicht nur reines Faktenwissen zu vermitteln. Verändert hat sich laut Assmann auch, dass der Leitbegriff Schuld, welcher der 68er-Generation wichtig war, inzwischen keine Rolle mehr spielt.

Wie eng Erinnerung und politische Bildung zusammengehören, zeige das bittere Erwachen, als die Morde und Umtriebe der Neonazi-Gruppe NSU bekannt wurden. "Was da zehn Jahre lang in unserer Mitte passierte, hat das Selbstbild unserer Zivilgesellschaft empfindlich gestört", machte Assmann deutlich. Möglich sei es geworden durch mangelnde Wachsamkeit, Nachlässigkeit und die grundlose Zuschreibung, dass die Opfer selbst Schuld trügen. Der Begriff "Dönermorde" suggerierte, dass das alles nichts die Gesamtgesellschaft nichts angehe.

Die Wissenschaftlerin stellt weiterhin die Tendenz fest, dass sich die Solidarität einer Gesellschaft schnell spaltet. "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" beispielsweise gegen Einwanderer oder die verbreitete Euro-Skepsis sei eine neue Form von Rassismus.

Erinnerungskultur sei nicht rückwärtsgewandt, sondern gebe "durch die Vergewisserung in der Vergangenheit eine Orientierung für Gegenwart und Zukunft", sagte Assmann weiter. Der Entsolidarisierung entgegenwirken könne politische Bildung, die zur Empathie befähigt und die Ähnlichkeit des Anderen zur eigenen Person anerkennt. "Je mehr man über jemanden weiß, desto eher wirft man Vorurteile über den Haufen".

Aleida Assmann schloss mit einem Zitat von Paul Rusesabagina, der angesichts des Völkermords in Ruanda sagte: "Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber die Zukunft verbessern."