Ulm Vorwurf gegen Uni-Klinik: Hanta-Virus übersehen?

Mäuse sind der Grund dafür, dass in Deutschland die Infektionen mit Hantaviren in die Höhe geschnellt sind.
Mäuse sind der Grund dafür, dass in Deutschland die Infektionen mit Hantaviren in die Höhe geschnellt sind. © Foto: Archiv
Ulm / CHRISTOPH MAYER 17.06.2012
Vorwürfe gegen die Uni-Klinik erhebt ein 55-Jähriger. Ärzte der Uni-Klinik sollen ihn trotz schlimmer Beschwerden heimgeschickt haben. Tage später diagnostizierte eine andere Klinik das Hanta-Virus.

„Unterlassene Hilfeleistung“, wirft Peter Nusser Ärzten der Uni-Klinik vor und wer seine Schilderungen hört, kommt tatsächlich zum Schluss, dass der 55-jährige Prokurist einer Neu-Ulmer Firma Glück gehabt hat. Glück, dass die Ärzte der Geislinger Helfenstein-Klinik die Schwere seiner Erkrankung erkannten und behandelten.

Begonnen hatte alles in der Nacht zum 1. Mai. Nusser, der in Westerstetten wohnt, fühlte sich hundeelend. Seine Körpertemperatur stieg auf 40,5 Grad an, er erbrach sich, hatte Schweißausbrüche „in nie gekanntem Ausmaß“, wie er sagt. Ein herbeigerufener Bereitschaftsarzt tippte auf eine Virusgrippe, verschrieb sicherheitshalber Antibiotika zur Behandlung einer möglichen bakteriellen Infektion. Doch tags drauf ging es Nusser schlechter, sein Hausarzt veranlasste die Einweisung per Rettungswagen in die Notaufnahme der Inneren Medizin der Uni-Klinik.

„Ich wurde von einem Arzt untersucht, mir wurde Blut abgenommen“, erinnert sich Nusser. Zwei Stunden später Visite am Krankenbett „es war ein 15-köpfiges Team“, Vorlesen der Symptome, Diagnose: Ein Virus, der zu Hause schon ausheilen würde. „Vier Stunden nach der Einlieferung hat man mich entlassen, ohne Hinweise auf mögliche weitere ärztliche Behandlung“, sagt Nusser, der sich lebhaft an seinen damaligen Zustand erinnert. „Ich war so schwach, dass ich nicht mal meine Tasche tragen konnte.“

Am nächsten Tag verschlechterte sich sein Zustand, die Körpertemperatur ging sprunghaft rauf und runter, extreme Kopfschmerzen kamen dazu. Wieder wurde Nusser mit einem Rettungswagen in eine Klinik gebracht, diesmal nach Geislingen. „Der Arzt dort hat mich untersucht und gleich auf ’Hanta’ getippt“, sagt der 55-Jährige. Die stationäre Aufnahme wurde angeordnet, zwei Tage später kam die Labor-Diagnose: Hanta-Virus mit erheblicher Einschränkung der Nierenfunktion („beginnendes Nierenversagen“) und fast sechs Litern Wasser im Gewebe. „Nach eingehender Behandlung konnte ich die Klinik nach zehn Tagen verlassen“, sagt Nusser.

Ist etwas schief gelaufen in der Uni-Klinik? Prof. Thomas Seufferlein, seit Anfang Mai Ärztlicher Direktor der Inneren Medizin I, verneint, auch wenn er wegen der ärztlichen Schweigepflicht keine Angaben zur Sache machen könne. Generell gelte: Im Anfangsstadium sei das Hanta-Virus schwer zu diagnostizieren, zumal es keinen Schnelltest gebe. „Wenn die Nierenwerte noch normal sind und auch sonst keine auffälligen Befunde vorliegen, kann der Eindruck entstehen, dass es sich um einen gewöhnlichen, wenn auch schweren grippalen Infekt handelt.“ In solchen Fällen wolle man die Patienten nicht unnötig in stationärer Behandlung lassen. Bei den meisten Patienten werde das Virus erst im weiteren Verlauf anhand auftretender Komplikationen diagnostiziert. In diesem Fall habe ein Facharzt auf den Patienten geschaut, so Seufferlein.