Ulm / HANS-ULI THIERER Bewegung in der Ulmer Gastroszene: Das Café Liquid schließt, dort zieht ein Staubsaugerhersteller ein. Stühlerücken auch beim Barfüßer. Neu: Ein Bistro am Schuhhausplatz. <i>Mit einem Kommentar von Hans-Uli Thierer: Am Münster droht ein Stück Verödung.</i>

„Der ,Mooser Wirt’ statt ein neuer Barfüßer? In hunderttausend Jahren nicht!“ Manchmal hilft ein einziger Anruf, um Gerüchten ein Ende zu setzen. Also: Der „Mooser Wirt“ aus dem Ski- und Wanderort St. Anton am Arlberg kommt nicht mit einem Lokal in die Neue Mitte nach  Ulm. Stellt Großgastronom Ebbo Riedmüller im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE klar.

Dennoch ist in der Gastronomie in der Ulmer City ein Stühlerücken größeren Stils im Gange. Vor allem in der in den vergangenen Jahren entstandenen „Ecke der Ulmer“ östlich des Münsters. Beteiligt daran ist Riedmüller, jedoch nicht an der gravierendsten Veränderung Mitte September. Doch der Reihe nach.

Liquid  Am 18. September wird Uli Fischer 60 Jahre alt. Den runden Geburtstag feiert er – Begründer und seitheriger Betreiber des Café Liquid in der „Novum“-Ladenzeile, die Fischer auf Basis von Erbbaurecht gehört – zünftig mit Freunden auf dem Oktoberfest in München. Tags zuvor wird das Liquid letztmals geöffnet haben. Am 17. September fällt nach 18 Jahren der Vorhang für das Stadtcafé, das sich speziell unter Ulmern großer Beliebtheit erfreut.

Fischer, 33 Jahre lang in der Gastronomie tätig (vor dem „Liquid“ im „Brettle“), bestätigte auf Anfrage, dass sich Verhandlungen sowohl über einen Verkauf der kompletten Ladenzeile als auch mit Interessenten an einer Pacht des Cafés zerschlagen haben. Deswegen habe er nun „schweren Herzens“ einen Mietvertrag abgeschlossen mit dem in Ulm bislang nicht vertretenen renommierten Unternehmen Vorwerk, Hersteller von Staubsaugern und Themomix-Geräten.

Diese Küchenkult-Kochmaschine wird an dieser hoch frequentierten Stelle nördlich des Münsters aber nicht zu sehen sein. Vorwerk richtet laut Fischer einen – was wörtlich zu nehmen ist – reinen Staubsauger-Schauraum ein.

Fischer selber bedauert nach eigenen Worten, dass es an diesem exponierten Stadtplatz künftig zwar noch den kleinen Ableger des „Liquid“, das durch ihn weiter betriebene Eiscafé „Frozen Liquid“, geben wird. Jedoch nicht mehr das klassische Kaffeehaus mit warmer Küche. OB Gunter Czisch – die Stadt hat die einst durch ihre Wohnungsbaugesellschaft UWS errichtete  „Novum“-Zeile vor Jahren an Fischer verkauft –  beklagt einen Verlust. „An diese Stelle gehört einfach ein Stadtcafé als belebendes Element.“

Barfüßer Eine Ecke weiter wird momentan das ehemalige Modehaus Jung umgebaut, das zuletzt der Sparkasse Ulm als Interim gedient hatte. Der Bauunternehmer Kurt Motz schafft in dem Gebäude Voraussetzungen für ein Restaurant mit darüber liegendem Hotel (40 Zimmer) und neun Stadtwohnungen in den oberen Geschossen.

Entgegen allen anderslautenden und auch im Internet bereits verbreiteten Spekulationen bleibt es beim bislang bekannten Konzept. Demnach richtet Pächter Ebbo Riedmüller, der mit seiner Barfüßer-Betriebs GmbH auch das Hotel führen wird, dort ein neues Barfüßer-Lokal ein. „Dass da der ,Mooser Wirt’ aus St. Anton reinkommt, stimmt schlicht und ergreifend nicht“, sagte Riedmüller auf Anfrage. Hotel und neues Lokal sollen im März 2017 in Betrieb gehen.

Der bisherige Barfüßer am Lautenberg (Riedmüller: „Da besteht noch ein Mietvertrag über zwölf Jahre“) werde als Restaurant weitergeführt. Aber mit ganz neuem Konzept, über dem man derzeit brüte.

Schuhhausplatz Noch keinen Namen hat die neue Lokalität, die zwischen Liquid und neuem Barfüßer am Schuhhausplatz  entstehen wird.  Nach dem Abriss des alten Gebäudes ist dort Heribert Fritz (ehemals Fritz und Macziol) der Bauherr. Der Rohbau ist im Gange.

Auf dem handtuchschmalen Grundstück entsteht nach den Worten des Investors ein kleines Stadthotel mit lediglich sieben, allerdings großzügigen Zimmern auf vier Etagen. Im Erdgeschoss wird ein Lokal eingerichtet, „Bistro und Café“, wie Fritz sagt. Pächter der Gastro und des Hotels wird, so kündigt er an, in Christian Becker ein anderer Ulmer Großgastronom.

Unklarheit im Schuhhaus

Zukunft offen Erst war die Insolvenz des italienischen Feinkostgeschäfts Signora Maria. Danach folgte ein kurzer Weiterbetrieb unter Insolvenzverwaltung. Mittlerweile stehen die schönen Räumlichkeiten leer. Was aus ihnen wird, ist offen. „Die bestehenden Mietvertragsverhältnisse werden derzeit überprüft“, erläutert Oberbürgermeister  Gunter Czisch, der sozusagen als Hausherr spricht, schließlich gehört das Schuhhaus der Stadt. Der OB betont dabei, dass es sich nicht um einen juristischen Streitfall handele. Wie es weiter geht, welche Nutzung nach Klärung der Sachlage kommt, sei völlig offen. Czisch: „Es liegt ein älterer Grundsatzbeschluss des Gemeinderats vor.“ Demnach ist für das frühere Künstlerhaus, das zuvor Feuerwehrhaus gewesen war, eine Nutzung als Markthalle vorgesehen, jedoch nicht als Gastrobetrieb. Czisch: „Die Entscheidung, was zukünftig passiert, muss der Hauptausschuss des Gemeinderats treffen.

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Am Münster droht ein Stück Verödung

Das „Liquid“ schließt. Bedauerlich. Meint Hans-Uli Thierer in einem Kommentar. Er befürchtet ein Stück Verödung in der Stadt. Wenn einer auf 60 zu marschiert, davon 33 Jahre in der harten Gastro-Branche auf den Knochen hat, ist ihm nicht zu verübeln, dass er  aufhört. So bedauerlich der Rückzug Uli Fischers aus dem „Liquid“ ist, so gut nachzuvollziehen ist er.

Kopfschütteln jedoch überall, wo man hinhört, über die künftige Nutzung an dieser Lage, der Fischer durch sein Stadtcafé Stadtleben eingehaucht hat: ein Staubsauger-Schauraum! Für viele, nicht nur Stammgäste, unfassbar.

Aber so sind die Gesetze des Marktes. Die Verkaufsabsicht scheiterte. Wohl auch daran, dass Fischer die ganze Ladenzeile zwar gehört. Aber wegen des komplexen Erbpachtrechts nur auf bestimmte  Zeit. Und ein Gastro-Nachfolger war nicht zu finden – aus welchen Gründen auch immer. Die Frage, die daraus an die Lokalpolitik resultiert: Hätte man  beim Verkauf des „Novum“ nicht eine gastronomische Nutzung festschreiben können?

So droht der sommers bisher belebten, vor allem durch  die Ulmer entdeckten Ecke –  Gäste und Touristen bevölkern eher den Münsterplatz – ein Stück Verödung.

So wie das Kleinquartier auf gastronomischen Sektor womöglich vor weiterem Einheitsbrei steht. Das Liquid war auf seine Art ein Unikum. Nun übernehmen die Großgastronomen Riedmüller und Becker dort an zwei Stellen. Man darf insbesondere beim neuen Bistro Beckers, das noch auf sich warten lässt, gespannt sein, was dort einmal aus Küche und Keller geboten wird.