Ulm Vortrag über Widerstandskämpfer Schmorell

Peter Selg: Eine besondere Beziehung zu Alexander Schmorell. Foto: Verlag Freies Geistesleben
Peter Selg: Eine besondere Beziehung zu Alexander Schmorell. Foto: Verlag Freies Geistesleben
Ulm / BEATE STORZ 25.02.2013
Annäherung der besondern Art: Der Professor für Anthropologie Peter Selg setzt sich mit Alexander Schmorell ("Weiße Rose") auseinander.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich einer historischen Person zu nähern. Einmal die wissenschaftliche, die man landläufig von einem Professor erwartet. Dann die emotionale, die man eher von einem Menschen erwartet, der Zeitzeuge ist und die historische Person selbst gekannt hat. Professor Peter Selg überraschte rund 80 Zuhörer im Stadthaus, denn er sprach über Alexander Schmorell wie über einen Freund. Schmorell war Mitbegründer und führender Kopf der Widerstandsgruppe "Weiße Rose", der auch die Ulmer Geschwister Hans und Sophie Scholl angehörten. Schmorell wird von der russisch-orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt. Von Selg offenbar auch.

Selg lehrt an zwei Universitäten Ethik und medizinische Anthropologie, außerdem ist er Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz. Das erklärt seinen Zugang zu Schmorell. Die Anthroposophie ist ein Erklärungsmodell für die menschliche Existenz und basiert auf der spirituellen Vertiefung des Lebens. Die Anthroposophie, ein Modell zur Welterklärung, ist nicht nur eine theoretische Lehre, sondern wirkt in der Medizin, der Landwirtschaft, der Kunst und der Pädagogik.

Peter Selg hat viele Bücher darüber geschrieben, darunter auch einige Werke über Hans und Sophie Scholl. Sein Vortrag über deren Weggefährten Schmorell hatte zum Anlass, dass er am 24. Februar 1943, vor 70 Jahren, in München verhaftet wurde - zwei Tage, nachdem die Geschwister Scholl durch die Guillotine gestorben waren. Alexander Schmorell (1917-1943) gehört laut Selg zu den weniger bekannten Protagonisten der Widerstandsbewegung, obgleich Selg ihn und Hans Scholl als die Initiatoren bezeichnet. Schmorell, in Russland geboren und als Vierjähriger mit seinen Eltern vor den Kommunisten nach Deutschland geflohen, war öfters in Ulm zu Gast bei der Familie Scholl. Im vergangenen Jahr sprach ihn die russisch-orthodoxe Kirche heilig, weshalb Selg offen sagt: "Man kann nicht anders, als ihn zu lieben."

Selg kennt die Geschichte der Weißen Rose aus dem Effeff, auch die Biographie Schmorells, und hat jeden der zahlreichen Briefe gelesen, welche sich die Widerstandskämpfer gegenseitig geschrieben haben. Selgs Begeisterung für Alexander Schmorell war aus jedem Wort seines Vortrags zu hören, und er drang emotional so tief in dessen Persönlichkeit ein, dass er sich fast wie ein Verwandter fühlt.

Selg duzte sogar das "Objekt" seines Vortrages, sprach nur von "Alexander". Der Redner weiß von Schmorells "gefühlsbetonter, sensibler Wesensart", seiner Verbundenheit "mit den elementarsten Kräften der Natur", seiner Schwäche für Bedürftige, seiner Lebensfreude und Liebe, bei der alles aus tiefstem Herzen kam. Peter Selg, der Professor, ist der Faszination des jungen Widerstandskämpfers voll erlegen, für ihn ist Schmorell "ein Liebling der Götter". Selg machte keinen Hehl daraus, dass er für Schmorell eine tiefe Seelenverwandtschaft empfindet.