„Dem damaligen Klinikumsvorstand ist der Überblick verloren gegangen.“ Zu diesem niederschmetternden Fazit kommt Rüdiger Strehl, seit Mai übergangsweise Kaufmännischer Direktor der Uni-Klinik. In den vergangenen Wochen haben er und der neue (kommissarische) Leitende Ärztliche Direktor Prof. Klaus-Michael Debatin einen Kassensturz vorgenommen, um den finanziellen Problemen der Klinik auf den Grund zu gehen.

„Es war für alle ein Aha-Erlebnis, man kann es Schock nennen“, sagte Debatin am Freitag anlässlich der ersten Pressekonferenz des neuen Vorstands. Er gehörte als stellvertretender Klinikchef bereits dem alten Vorstand an, hatte nach eigenen Angaben aber keinen wirklichen Einblick. „Ich sehe zum ersten Mal richtige Zahlen. Wir bekamen damals die Information, dass die Maßnahmen bezahlbar sind“, sagte er.

Grund für die finanzielle Schieflage sind nach Ansicht von Debatin und Strehl auch die zahlreichen eigenfinanzierten Bauprojekte, mit denen sich das Klinikum übernommen habe. Eigentlich ist das Land für Klinikbauten zuständig, allerdings fehlen vielfach die Mittel. Wie berichtet, trägt das Klinikum daher die Hälfte der Kosten für den Chirurgie-Neubau (119 Millionen Euro) selbst, zudem hat sie den Landesanteil von rund 85 Millionen Euro vorgestreckt. Diese Mammutaufgabe wäre eigentlich zu schultern gewesen. Schließlich habe die Klinik 2007, dem Jahr vor dem Spatenstich, 64 Millionen Euro an Rücklagen gehabt, dazu Jahr für Jahr moderate Überschüsse eingefahren. Auch sei die chronische Unterfinanzierung des Krankenhauswesens damals so nicht absehbar gewesen. „Im gut gemeinten Verständnis hat die Klinik dem Land dann aber weitere Aufgaben abgenommen“, bilanzierte der Kaufmännische Direktor im Hinblick auf zusätzliche Bauprojekte wie zum Beispiel die neue Psychosomatik oder das Casino.

Die schlugen in der Summe mit weiteren 21,6 Millionen Euro zu Buche. Gleichzeitig schrumpften die Rücklagen, die Schere zwischen gedeckeltem Budget und steigenden Kosten für Personal und Energie ging auf, kurz: Das finanzielle Desaster bis an den Rand der Zahlungsunfähigkeit nahm seinen Lauf.

Grund zum Pessimismus gibt es nach Ansicht des neuen Vorstands dennoch nicht. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte Strehl, der für 2013 von „hohen Zuwächsen“ ausgeht. Zehn Millionen Euro könne die Klinik jährlich aus dem Betrieb erwirtschaften. Dem stehe eine jährliche Schuldenlast von 15 Millionen Euro gegenüber. „Es bleibt also ein jährliches Defizit von 5 Millionen Euro.“ Dieses Geld will man sich nun vom Land holen, das „glasklar“ in der Pflicht stehe, sagte Debatin. „Die Refinanzierung ist aus eigener Kraft nicht zu stemmen.“ Abstriche bei Ärzten und beim Pflegepersonal sind Debatin zufolge nicht geplant – im Gegenteil: „Wir sind gerade dabei, die Lücken, die in der Vergangenheit geschlagen wurden, wieder aufzufüllen.“

Die Uni-Klinik hatte 2012 einen Verlust von rund 15 Millionen Euro gemacht, für 2013 wird mit einem Minus von 9 Millionen Euro gerechnet. 2012 schrieb jede zweite Klinik in Baden-Württemberg rote Zahlen.