Von Tragik und Erfüllung

CLAUDIA REICHERTER 18.07.2012
Zum Hundertjährigen der Jugendstilvilla auf einem Bergrücken nahe Laupheim konzentriert sich das Museum Villa Rot diesen Sommer auf seine eigene Geschichte. Die ist bewegt - voll Tragik, voll Glück.

Irgendwie haben alle am Ende mächtig Glück gehabt. Bei allem Leid. Wer die Bewohner der Jugendstilvilla auf einem Hügel beim Burgriedener Ortsteil Rot wenige Kilometer von Laupheim waren, wie sie lebten, liebten und litten, das zeigt jetzt das Museum Villa Rot.

Vor hundert Jahren, 1912, hatte Raymund Fugger, ein verarmter Nachfahr der mächtigen Augsburger Händlerfamilie, das Haus bauen lassen. In dezentem Stilpluralismus vereint es barocke Elemente mit jenen des Klassizismus und des Jugendstil. Nach 13 Jahren musste der 55-Jährige das Anwesen wieder aufgeben. Er verkaufte es. Unter der Bedingung, dass er noch zwei Jahre darin wohnen dürfe, um "klar Schiff zu machen", erklärt Museumssprecher Marcel Hess. Am 1. Oktober 1927 übergab er es dann leergeräumt an seine neue Besitzerin.

Die erst 24-jährige Alexandra von Hornstein zog in das "Fuggerschlössl" mit seinem wildromantischen Park, der geschwungenen Doppeltreppe mit Blick übers Rottal und der prächtigen Auffahrtsallee ein. Aber nicht allein. Die im nahen Schloss Orsenhausen aufgewachsene "Xandi" bewohnte die zweigeschossige Villa die nächsten fünf Jahre mit Feodora Christ .

Die 1903 geborenen Mädchen hatten sich im oberbayerischen Salesianerinnen-Internat Zangberg kennengelernt und lebten im Anschluss daran in München "das Leben der Bohème". "Feo" gehörte so gut wie zur Familie.

Doch Alexandra hatte Schweres durchgemacht: Ihre Mutter wollte 1922 die drei Kinder mit in den Tod nehmen, bevor sie sich selbst erschoss. Der Mord an Xandis Schwester gelang, sie selbst und ihr jüngerer Bruder entkamen dem Anschlag knapp. Mit dem Tod ihres Vaters vier Jahre später wurde das ansehnliche Vermögen aufgeteilt, was sie zugleich zur Vollwaise und zur wohlhabenden jungen Dame machte. Die brach mit dem Bruder und genoss mit der Freundin die "Roaring Twenties", teilte mit Feo die Vorliebe für alles Asiatische, las Tagore, malte, entwarf Kleider und Stoffe.

Dennoch muss das Erlebte tiefe Wunden hinterlassen haben. Zehn Jahre nach dem Freitod der Mutter nahm sie sich mit 29 Jahren in Ulm selbst das Leben. Die Gründe sind bis heute ungeklärt. Ihr Haus samt Mobiliar aus Spätrenaissance und Barock, Gemälden aus dem Schloss Orsenhausen sowie ihre ererbten Firmen - eine Sägerei und ein kleines Elektrizitätswerk - vermachte sie Feodora. Die litt zeitlebens unter dem Verlust, wie ein ans Fenster des Salons applizierter Brief belegt. Ein Jahr später heiratete sie jedoch den aufstrebenden Münchner Musiker und Dirigenten Hermann Hoenes und führte das Haus im Sinne ihrer Gönnerin als Ort der Literatur, Musik und Kunst.

Auch in Hoenes Leben lief nicht alles glatt. Da ihn die Nazis als Jude diffamierten, war er einer musikalischen Zukunft letztlich beraubt. Dank der erfüllten Ehe mit Feodora nagte er zwar nicht am Hungertuch, musste sich aber mit einem zurückgezogenen Leben als Unternehmer abfinden. Das kinderlose Paar setzte dem erlittenen Druck der NS-Zeit Weltoffenheit und die Vorliebe für "übernationale Kunst" entgegen. Darauf gründet die bei Feodoras Tod 1983 an die 1000 Stücke umfassende Sammlung, die "integraler Bestandteil ihrer Wohnkultur" war - und dank ihrer Stiftung das Museum Villa Rot ermöglichte.

All diese Tragik und Erfüllung lassen sich anhand des rekonstruierten Interieurs und der zeitgeschichtlichen Dokumente in der Ausstellung "Im Spiegel der Erinnerung" nachvollziehen. Jeder der elf Räume ist einer Person, einem Thema gewidmet. Der Besucher wird zum zeitreisenden Zaungast.

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