Theater Ulm Intendant Andreas von Studnitz geht

Nicht alles war ein „Event“, aber er spielte das Stück: Andreas von  Studnitz.
Nicht alles war ein „Event“, aber er spielte das Stück: Andreas von Studnitz. © Foto: Jochen Klenk
Ulm / Von Jürgen Kanold 10.07.2018
Nach zwölf Jahren verabschiedet sich Andreas von Studnitz. Er glänzte nicht mit Selbstkritik, aber als ein Intendant, der für die Bühnenkunst kämpft.

Selbstbewusst, ja messianisch war Andreas von Studnitz im Jahre 2006 nach Ulm gekommen: „Die Zeit des Wartens ist vorbei“, plakatierte der neue Intendant. Und damit auch der letzte Bürger merkte, dass nicht nur die Ära Ansgar Haag vorbei war, benannte er sein Haus um: Theater Ulm statt Ulmer Theater.

Schwerer Start

Auf der Bühne ging‘s auch eher robust bis irritierend zu: Der damals 52-jährige von Studnitz dampfte als Regisseur die „Orestie“ ein und spielte in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ den Bassa Selim als Ekelpaket. Kein sympathischer Start und überhaupt viel Skepsis: Zuschauerschwund, ein Loch in der Kasse. Oder wie der Intendant rückblickend sagt: Nach der ersten Saison habe „keine Sau daran geglaubt, dass wir so weit kommen“.

Tatsächlich hatte die Stadt Ulm den als Mann des Schauspiels mit vielen Erwartungen gewählten von Studnitz bald wieder loswerden wollen, dann aber seinen Vertrag häppchenweise mehrmals verlängert, zuletzt 2016, weil man sich aneinander gewöhnt hatte und die Kulturverwaltung keine Intendanten-Personalie als neue Theater-Baustelle eröffnen wollte. Die hatte man nämlich schon: die Generalsanierung.

Zwölf Jahre

So heißt das letzte Spielzeitmotto „Auf die zwölf“: Nach zwölf Jahren verlässt von Studnitz das Theater. Die Bilanz? Was auf der Bühne zu sehen war, fand vielleicht kein großes überregionales Echo, hatte aber mit den üblichen Ausschlägen nach oben und unten eine gute Qualität. Sie war,  da musste man anfangs von Studnitz bei Publikum wie Politik in Schutz nehmen, keinesfalls schlechter als in der Haag-Ära. Die Zuschauer haben das mit den Jahren eingesehen, dieses Theater geschätzt.

Von Studnitz selbst besorgte als Regisseur fast 50 Inszenierungen, was dem Haus Geld sparte; besonders gelungen waren etwa „Tartuffe“ und „Ghetto“. Bei allem Wechsel im Schauspiel: Das Ensemble zeigte Klasse. Gastregisseure setzten die besonderen Akzente, Stephan Suschke, Fanny Brunner oder auch Oliver Haffner. Mit Matthias Kaiser hatte von Studnitz einen verlässlich guten wie loyalen Operndirektor an der Seite.

Der Intendant spielte keine souveräne Rolle bei den Abgängen von Ballettchef Andris Plucis und Generalmusikdirektor James Allen Gähres, die schon zu Haags Team gehört hatten, aber er wählte dann goldrichtig Publikumslieblinge aus. Roberto Scafati machte das Ballett zum Kassenschlager, Timo Handschuh dirigierte nicht nur die Neujahrskonzerte und die Philharmonischen Konzerte im CCU vor ausverkauftem Haus, der GMD sorgte für beglückende Opernaufführungen.

Große, bleibende Verdienste erwarb sich von Studnitz als positiv besessener Theatermacher. Die Konsolidierung des Budgets, die Schließung des Podiums? Den absurden Beschluss der Stadt, dem Theater seine zweite Bühne zu streichen, setzte er einfach nicht um, brachte vielmehr gerade dort anspruchsvolle Produktionen heraus, auch Klassiker.

Wilhelmsburg

Von Studnitz war es zudem, der die Wilhelmsburg endgültig fürs Theater eroberte: nicht unbedingt mit seinen eigenen Schauspielinszenierungen, aber mit hoch erfolgreichen Musicals und auch einer  „Aida“. Als es die Generalsanierung 2011 erforderte, das Große Haus schon Monate vor den Theaterferien abzusperren, kämpfte er dafür, den Spielbetrieb nicht einfach einzustellen, sondern die Wilhelmsburg zu nutzen. Eine Großtat.

Sanierung

Überhaupt, die Generalsanierung: Andreas von Studnitz erlebte sein Theater eigentlich nur als Baustelle, ließ sich aber nicht entmutigen, auch nicht, als das Linie­2-Projekt das Haus zudem von außen angriff, es teils schwer passierbar machte fürs Publikum. Andere hätten entnervt das Handtuch geworfen. Aber Intendant von Studnitz und, nicht zu vergessen, Verwaltungsdirektorin Angela Weißhardt, die andere Hälfte der Doppelspitze, hielten mit ihren Mitarbeitern dagegen.

Starke Soli im Gemeinderat

Chuzpe und Hartnäckigkeit zählen zu den besseren Eigenschaften des heute 64-Jährigen, der sich auch immer wieder als Akteur auf der Bühne gefiel und sich gerade mit der Rolle eines abgewrackten Musikkneipenwirts im Musical „Rock of Ages“ verabschiedet. Seine besten Soli hatte von Studnitz freilich im Kulturausschuss des Ulmer Gemeinderats, wenn er sich mit Ralf Milde duellierte oder den Räten schwäbisch-rotzig den Spielplan unterbreitete.

Die Ulmer und das Lachen

In der Komödie „Der Floh im Ohr“, erklärte er einmal, dürfe man von Anfang an lachen: „Das ist sehr wichtig, dass man das auch ansagt in Ulm.“ Von Studnitz lachte jedenfalls sehr gern, vor allem über seine eigenen Späße.

Die Operette „Orpheus in der Unterwelt“ (2011) inszenierte er als lokalen Puppen-Klamauk mit knutschender Kulturbürgermeisterin in der Gestalt Eurydikes. Er selbst sah sich als Pluto, als Gott der Unterwelt im Machtkampf mit dem Ulmer Rathaus, als den Bewahrer der Kunst. Die Aufführung war allerdings nicht lustig, sondern verprovinzialisierte Operette. Das kann vorkommen, ist nicht weiter schlimm, wenn ein Intendant in so vielen Produktionen Regie führt. Dieser „Orpheus“ war auch nicht einmal ein Skandälchen, sondern einfach nur vermurkst. Aber die ihm entgegenschlagende Kritik nahm von Studnitz ungemein übel.

Umgang mit Kritik

Ein typischer Fall. Von Studnitz konnte heftig austeilen, aber wenig einstecken. Selbstironie, Kritikfähigkeit scheinen ihm eher fremd zu sein. Was bei der Arbeit in einem Theater aber Probleme bereitet, wenn keiner in der Lage ist, dem Chef wohlwollend die Meinung zu sagen: Wie sonst konnte dieses Märchen-Debakel mit „Schneewittchen“ passieren?

Eine Antwort auch auf diese Frage wird man im Übrigen in seinen Worten nicht in der SÜDWEST PRESSE lesen können: Ein bilanzierendes Interview zum Ende seiner Intendanz wollte von Studnitz mit der Kulturredaktion nicht führen.

Nachfolge

Die Zeit des Wartens ist lange vorbei, Andreas von Studnitz hat geliefert und keine Hypotheken hinterlassen. Es wird also nicht leicht werden für seinen Nachfolger Kay Metzger, ein immer mühsamer zu mobilisierendes Publikum neu ins Theater zu locken.

„The Final Countdown“ im Rathaus

Empfang Heute Nachmittag verabschiedet der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch im Rathaus vor 100 Gästen den Theater-Intendanten Andreas von Studnitz. Ralf Milde hält im Namen des Gemeinderats eine Rede. Und der zu Ehrende selbst bringt Musik mit: „The Final Countdown“ aus „Rock of Ages“.

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