Mit seinem ersten Satz gab der Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger am Samstagnachmittag im gut besuchten Stadthaus das Grundmotiv der Diskussion vor. "Eine scharfe Trennlinie zwischen Jung und Alt gibt es nicht", sagte der Sprecher der Stiftung für Rechte zukünftiger Generationen. Ebenso wenig wie es eine einheitliche Definition des Alters gibt, wie die beiden anderen Vorträge zum Abschluss der 6. Ulmer Denkanstöße zeigten. Die dreitägige Reihe, veranstaltet von der Stadt Ulm, dem Humboldt-Studienzentrum der Uni Ulm und der Sparda-Bank, widmete sich der Solidarität zwischen Jung und Alt.

Manfred Brock vertrat die fitten Alten. Diejenigen, die voller Energie und Tatendrang sind, die oftmals nicht freiwillig in den (Vor-)Ruhestand gehen und die sich neue Aufgaben suchen - sei es im Ehrenamt oder bei "Erfahrung Deutschland", einer Gesellschaft für das Expertenwissen von Ruheständlern, deren Geschäftsführer der 69-Jährige ist.

Schwer dement und pflegebedürftig - auch so sieht Alter aus. Darüber sprach Dr. Ralph Skuban, Autor und Leiter einer Pflegeeinrichtung für Demenzkranke. Aktives Alter? "Das ist bei uns grundlegender Natur: waschen, anziehen, auf die Toilette gehen sind oft selbstständig überhaupt nicht mehr möglich."

In der Pflege, so Skubans These, haben sich die drängendsten Probleme seit 25 Jahren nicht geändert, nur verschärft. Es fehlt an Geld und Personal, und es gibt zu viele Regelungen und Vorschriften. "Sie machen eine vernünftige Pflege unmöglich. Nur Atomkraftwerke sind stärker reglementiert als Pflegeeinrichtungen." Vor lauter Formularen und Zwängen zur Dokumentation blieben Zuwendung und Nähe zunehmend auf der Strecke, "wir pflegen mit dem Kugelschreiber".

Ein Beispiel: die Anforderungen an die Qualifikation von Pflegekräften. So lange Menschen daheim von ihren Angehörigen gepflegt werden, schere sich keiner darum, dass sie in der Regel Laien sind. An Pflegeheime dagegen würden strenge Maßstäbe angelegt, "da gilt eine Ärztin nur als Hilfskraft, wenn ihr die Pflegeausbildung fehlt". Oder: die Toiletten. In Familien ist es selbstverständlich, dass alle dieselbe Toilette benutzen. "Aber wenn ich so alt bin, dass ich im Pflegeheim nicht mehr selbstständig aufs Klo kann, zwingt mich der Gesetzgeber, ein eigenes zu haben." Irrational und absurd, findet Skuban. Er fordert mehr Freiheit in der Pflege.

Pflege kostet viel Geld, und der Sozialwissenschaftler Gründinger hat einen Vorschlag, woher ein Teil dafür kommen könnte: von den Alten selbst. "Sie haben die Gesellschaft so gemacht, wie sie heute ist. Sie sollten auch Verantwortung dafür übernehmen." Er denkt über Umverteilung nach, zum Beispiel über die Erbschaftssteuer bei großen Vermögen. Finanziell Schwache müssten besser unterstützt werden, egal welchen Alters.

Vor allem aber hat der 28-Jährige Jüngere im Blick. Die Investitionen in Kinderbetreuung und Bildung müssten steigen, damit Junge leistungsfähig werden, um die Zukunftsaufgaben zu bewältigen. Die Älteren hätten zu viel Macht: Sie sitzen an den politischen Schaltstellen, sie machen den Großteil der Wähler aus, sie bestimmen über die Rahmenbedingungen, mit denen Jüngere klar kommen müssen.

Die Erfahrung der Älteren ist aber viel wert, machte Manfred Brock deutlich. Er hatte Karriere im Vertrieb in verschiedenen Unternehmen gemacht, war als Personalberater selbstständig und stellt sein Wissen und seine Energie jetzt nicht nur der Gesellschaft "Erfahrung Deutschland" zur Verfügung, sondern auch immer wieder Firmen. Die nutzten die Erfahrung der Älteren zunehmend gern, weil sie davon profitierten, berichtete er. "Ältere können und wissen manches, was Jüngere nicht können und nicht wissen."