Musiker Von Essen macht Spaß zu den Goldenen Zitronen

Ulm / Claudia Reicherter 03.01.2019

Mit 18 ist er vor dem Dialekt und Provinz-Mief aus Ulm geflohen, vor Hippies und Friedensbewegten. Davor ist man in Hamburg zwar auch nicht gefeit, aber dort gab es immerhin mehrere Vertreter jeder Jugendsplittergruppe, sodass er als Abgrenzung und Authentizität suchender aufstrebender Punk nicht allein da­stand. Auch wenn er bei der Ankunft im Norden den Punker nicht vom queeren Waver und Teddy-Boy zu trennen wusste. „Da hab ich gelernt, dass man als Punk nicht in Damenschuhen herumstöckelt“, erzählt er im Café in Söflingen grinsend, „sondern Springerstiefel trägt“. Und Iro statt Tolle. Zu spät: Die Hamburger Clique nannte ihn schon Ted. Dabei war sein Name, als er 1964 in Stuttgart zur Welt kam, noch Carol Gaier.

Die ersten Lebensjahre verbrachte er als Kommunen-, WG- und Kinderladenkind in München. Doch die Mutter musste 1971 nach einem Bankraub ins Gefängnis. So kam er zum Akademiker-Vater nach Blaustein, später Unterweiler, und erlebte die Schulzeit bis vor dem Abi in Ulm.

Er war froh, im Büchsenstadel auf halbwegs gleich Denkende zu stoßen. Mit denen gründete er seine erste Band, provozierend benannt nach einem McDonald’s-Slo­gan: Essen macht Spaß. Wie die in der vh eine Anti-Per­shing-Party aufmischte, darauf wird er heute noch angesprochen, wenn er zu Weihnachten Ulm besucht. „Das war für manche wohl ein einschneidendes Erlebnis.“

Erinnerungswürdige Momente hat der 54-Jährige seither vielen Menschen beschert. Denn als Ted Gaier gründete er 1984 mit Schorsch Kamerun Die Goldenen Zitronen, die im Februar ihr 13. Album veröffentlichen – die klügste und vielseitigste Punk-­Avantgarde-Band der Republik.

Heute scheint Carol Logan, wie er seit der Ehe mit Melissa vom Münchner Kollektiv Chicks on Speed heißt, mit dem Ort seiner Frühsozialisation ausgesöhnt. Nicht nur, wenn er zur „Tanztanne“ mit seiner Schwester die Kradhalle besucht und alte Freunde wie den einstigen Erbacher Punk Joe wiedertrifft. „Es gibt überall Leute, über die man sich freuen kann“, selbst in Ulm, wo der Dialekt ihn einst zum Außenseiter machte.

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