In Le Caillou an der Hauptstraße Brüssel-Charleroi schlug Napoleon sein letztes Hauptquartier vor der Schlacht bei Waterloo am 18. Juni 1815 auf. Im Garten des ehemaligen Bauernhofs erinnert eine Gedenktafel auch an ein Infanterie-Bataillon der Garde Imperiale unter Kommandant Duurino, das dort vor 200 Jahren biwakierte. Aufgezählt werden in der Inschrift die Schlachten, in denen die französischen Soldaten kämpften: Marengo, Austerlitz, Smolensk - und auch Ulm gehört dazu.

In der Geschichte der napoleonischen Kriege spielt die Schlacht von Elchingen/Ulm keine unwichtige Rolle: Am 14. Oktober 1805 besiegte Napoleon zunächst bei Elchingen die von General Mack angeführten Österreicher, tags darauf begann sein Angriff auf Ulm, am 16. Oktober bombardierte die französische Artillerie die Stadt, woraufhin die eingeschlossenen Österreicher kapitulierten - am 20. Oktober legten sie die Waffen nieder.

Die Schlacht von Elchingen gehört zur Ruhmesgeschichte der Grande Nation, in Stein gemeißelt wurde sie in den Triumphbogen an der Place de l'Etoile. Wer sich 1805 aber besonders auszeichnete, war Marschall Michel Ney (1769 in Saarlouis geboren), den Napoleon zum "Herzog von Elchingen" adelte: "Außerordentlich brillant auf dem Schlachtfeld, motivierte er die Massen in hervorragender Weise", berichtete ein Augenzeuge. Auf den bayerischen Verbindungsoffizier Comeau beruft sich auch der Ulmer Historiker Thomas Schuler in seinem neuen, sehr fundierten, gut erzählten Buch über "Napoleon und Bayern". Im Kapitel "Das Entscheidungsjahr 1805" nimmt Ulm einen prominenten Platz ein - und zwar das bayerische Ulm.

Tatsächlich war die ehemals Freie Reichsstadt nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches 1802 zunächst dem Kurfürstentum Bayern zugeschlagen worden. 1805 war dann das Jahr, in dem Bayern in die Zange genommen wurde: von den Habsburgern, die den Nachbarn am liebsten annektieren wollten, und den nach europäischer Vorherrschaft strebenden Franzosen. Bayern entschied sich für Napoleon, der es 1806 dankbar zum Königreich beförderte. Aber zunächst kam es zum Krieg. Die Österreicher marschierten in Ulm ein, und das taten sie derart rücksichtslos, ausbeutend, dass die Ulmer die Franzosen herbeisehnten.

Aber zurück zu Ney, dem saarländischen Rotschopf. Der ehrgeizige, cholerische Herzog von Elchingen war der Lieblingsprotegé Napoleons. Aber als der Stern Napoleons gesunken war, im April 1814, ist es Ney, der "Tapferste der Tapferen", der seinen Kaiser zum Abdanken zwingt: "Die Armee gehorcht nur ihren Chefs" (Günter Müchler erzählt das ausführlich in seinem Band "Napoleons hundert Tage"). Als Napoleon nach Elba verbannt wird, wechselt Ney die Seiten, dient den Bourbonen. Und als Napoleon von Elba flieht, prahlt Ney: "Ich werde ihn in einem Käfig aus Eisen bringen."

Nur dass im Frühjahr 1815 ein Regiment nach dem anderen zu Napoleon überläuft - und am Ende kehrt auch Marschall Ney zum Kaiser zurück, der die Macht an sich gerissen hat. Ney zieht für ihn als Truppenführer in die Schlacht bei Waterloo. Dort kämpft er mit dem Reiterheer wie ein Teufel - aber ungestüm, verlustreich, als müsste er seine Untreue Napoleon gegenüber vergessen machen. "Der Mann ist nur noch Wille, nur noch Instinkt", wertet der Historiker Müchler den Einsatz Neys. Aber damit opfert dieser nur die französische Kavallerie. Napoleon macht Ney für die Niederlage verantwortlich.

Diesmal gelingt Ney der Seitenwechsel aber nicht: Er wird nach Waterloo von den Siegermächten beschuldigt, einer militärischen Verschwörerbande angehört zu haben, die Napoleons Staatsstreich ermöglichte, und im Dezember 1815 hingerichtet.

In diesen Tagen des Gedenkens an Waterloo taucht Marschall Ney dort allerdings ziemlich lebendig auf: als Akteur im nachgespielten Schlacht-Spektakel, dargestellt von dem Brüsseler Bibliothekar Franky Simon. Der hat sich allein die prunkvolle Uniformjacke 5000 Euro kosten lassen.