Kultur Von der Freiheit: Lesung und Musik in Roggenburg

Roggenburg / Burkhard Schäfer 03.09.2018
Das Diademus-Festival entführte auf eine Zeitreise – erst zu Dostojewski, dann in die frühe Neuzeit.

Was haben Fjodor Dostojewskis „Der Großinquisitor“ und musikalische Werke vorwiegend anonymer Meister aus der Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts miteinander zu tun? Auf den ersten Blick nichts. „Der Großinquisitor“, das wohl berühmteste Kapitel aus dem Roman „Die Brüder Karamasow“, ist eine literarisch-philosophische Reflexion auf die Wiederkunft Jesu. Musik spielt in diesem Text keine Rolle, doch schaut man genauer hin, ergeben sich aufregende Korrespondenzen: Dostojewski lässt seinen Text im Spanien des 16. Jahrhunderts spielen, als die „Heilige Inquisition“ in ganz Europa die Scheiterhaufen anzündet und vermeintliche Ketzer verbrennen lässt.

Der zentrale Begriff im „Großinquisitor“ lautet: Freiheit. Und genau darum, wenn auch in ganz anderer Weise, ging es in dem Konzert, das die Capella de la Torre und die Sopranistin Margaret Hunter unter der Leitung von Katharina Bäuml (Schalmei) im Anschluss an die Lesung unter dem Motto „Moment mal – das kenn ich doch?! – Plagiat, Zitat und Parodie in der Musik der frühen Neuzeit“ dem begeisterten Publikum präsentierte.

Mit Verve und Meisterschaft

Zuvor hatten Kay Metzger (Rezitation) und Sebastian Bartmann (Improvisation) im Altarraum der Klosterkirche klar gemacht, unter welch buchstäblich flammendem (Un-) Stern die frühe Neuzeit stand. Wer die Intensität von Metzgers und Bartmanns Darbietung erlebt hatte, konnte schier nicht anders, als die just aus derselben (frühen Neu-) Zeit stammende Musik der Capella auf dieser Folie zu rezipieren.

Bäuml hatte das Konzert in ihrer Moderation als „musikalische Zeitreise“ deklariert, die das Verständnis dafür wecken soll, wie die Renaissance-Komponisten sich die Freiheit nahmen, nicht „sauber“ zwischen weltlicher und geistlicher Musik zu unterscheiden. „Diademus zeigt, was Freiheit heißt“, hatte Intendant Benno Schachtner zu Beginn verkündet. Tatsächlich lösten die beiden „nachtaktiv“-Veranstaltungen Schachtners Diktum auf komplementäre Weise ein.

Die Verve und Meisterschaft, mit der die Capella musikalische Vexierbilder unter eine begeistert applaudierende Zuhörerschaft warf, war schlicht aufregend. Unter der Hand wurde aus einem Cantus Firmus ein Trinklied („L ‘Homme armé“), aus „Innsbruck, ich muss Dich lassen“ das schmerzliche „O Welt, ich muss Dich lassen“. „Nichts ist für die Menschheit unerträglicher als die Freiheit“, sagt der Großinquisitor. Die implizite Botschaft der Capella lautete: Kaum je war die Musik freier als am Beginn der Neuzeit. Ein exzeptioneller Abend.

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