Kirche Von begnadeten Menschen

Ulm / Verena Schühly 02.11.2018

„Die Reformation war eine Revolution des Glaubens“, sagte der evangelische Dekan Ernst-Wilhelm Gohl am Mittwochabend zu Beginn der Reformationsfeier im Münster. Die evangelischen Christen begehen diesen Tag im Gedenken daran, dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine kirchenkritischen Thesen an das Portal der Wittenberger Klosterkirche genagelt und damit veröffentlicht hat.

Gohl hatte den Begriff Revolution bewusst gewählt, „weil es nicht nicht darum ging, Gesellschaft zu verändern, sondern um das Verhältnis des Menschen zu Gott neu zu bestimmen“. Zentraler Punkt dabei sei Luthers Überzeugung gewesen, dass der Mensch sich nicht durch Buße oder gute Taten Gottes Wohlwollen verdienen muss, sondern dass er allein dank der Gnade Gottes das Heil beziehungsweise das ewige Leben erlangt.

Doch was macht so einen „begnadeten Menschen“ aus? Darüber sprach Heinz Gerstlauer in seiner Predigt, der Pfarrer i.R. hat 23 Jahre lang die Evangelische Gesellschaft in Stuttgart geleitet, eine der größten Diakonischen Einrichtungen in Württemberg. Er machte deutlich, dass in der Bibel keinesfalls Idealbilder gemeint seien, wenn von begnadeten Menschen die Rede ist: „Es geht nicht um die Erfolgreichen, Tüchtigen und Glücklichen.“

Gegen die Leichtgläubigkeit

Er zeichnete ein kritisch-satirisches Bild von einem „religiösen Markt“, auf dem angenehme, bequeme und Wohlfühl-Angebote produziert werden: „Es ist eine Zeit der Leichtgläubigkeit.“ In der wichtige Botschaften der Bibel, des Christentums verloren gehen: das Kreuz der Nachfolge Jesu, das Vergeben von Schuld oder dass einer die Last des Anderen tragen soll.

Statt dessen zeigte Gerstlauer an Beispielen von Jesus und Paulus, dass die „Wege der Gnade oft einsam, bitter und fraglich sind“. In diesem Sinne versteht er Luthers „Allein aus der Gnade“ als inneren Reichtum von Menschen, damit sie aus Trost und Zuversicht schöpfen können, auch wenn ihre äußeren Lebensumstände schwierig, problematisch oder armselig sind. „Wir haben allen Grund zur Fröhlichkeit und können die Gnade ohne Grenze weitergeben“, sagte Gerstlauer.

Doch nicht nur der 501. Jahrestag der Reformation war am Mittwoch zu feiern, sondern auch ein anderes Jubiläum: Vor genau zehn Jahren wurde die Diakonie-Stiftung gegründet. Prälatin Gabriele Wulz, die Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung, berichtete kurz über die Arbeit und dass aus dem anfänglichen Stiftungskapital von 120 000 Euro inzwischen fast 500 000 Euro geworden sind. Auch die Kollekte der Reformationsfeier war dafür bestimmt, „damit wir weiter wachsen zum Wohle der Menschen und des Friedens in der Stadt“, sagte Wulz.

Den musikalischen Rahmen des Gottesdiensts gestalteten der Motettenchor der Münsterkantorei und der Posaunenchor.

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