Ausstellung Vom Wachsen zum Schweben: Emil Cimiotti in Neu-Ulm

Emil Cimiotti (links im Foto) und sein „später Gruß an Willi Baumeister“ von 2002.
Emil Cimiotti (links im Foto) und sein „später Gruß an Willi Baumeister“ von 2002. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Lena Grundhuber 23.02.2018

Heute kann man sich das kaum mehr vorstellen: Dass jemand einen Studienplatz an der Kunstakademie in Hamburg nicht antritt, weil er keinen Ort findet, sein Bett aufzustellen. Weil eine ganze Stadt in Trümmern liegt – und damit die Welt, wie er sie kannte. Emil Cimiotti, geboren 1927, begann seine Bildhauerkarriere deshalb nicht im Norden, „sonst hätte er Wand an Wand mit Edwin Scharff studiert“, sagt Helga Gutbrod, die Leiterin des Edwin-Scharff-Museums. Er ging in den Süden und studierte in Stuttgart.

Dort konnte er arbeiten, dort fand das junge Talent einen wichtigen Förderer in dem großen Abstrakten Willi Baumeister. Und so ist es ein schönes Statement, dass Cimiottis Ausstellung in Neu-Ulm mit einem „späten Gruß an Willi Baumeister“ beginnt – einer abstrakten Bronzeplastik mit rauer Oberfläche und klaffenden Mündern, die Einblick ins Innere geben.

„Denn was innen, das ist außen“, heißt die Retrospektive des heute 90-jährigen „Pioniers der Nachkriegsmoderne“ (Gutbrod), mit der das Museum heute nach der Umbauzeit wiedereröffnet. Wenn man die sieben Jahrzehnte künstlerischen Schaffens durchläuft, die da in 25 Plastiken vorgestellt werden, versteht man, dass der Titel weit mehr ist als ein beliebiges Goethe-Zitat. Es ist ein ästhetisches Programm, zunächst ein radikales Gegenprogramm zu den Skulpturen der Nazi-Bildhauer. Es bezeichnet den Abschied von den monumentalen, massiven Formen und glatten Flächen – und erst einmal auch von der Figur selbst. „Es zeigt, was uns die Wirklichkeit geworden ist“, schreibt Cimiotti in den Sechzigern, „die bloße Haut der Erscheinungen, In-Frage-Gestelltsein der Realität, Gleichzeitigkeit von Existenz und Nicht­sein.“

Oder, wie die Cimiotti-Kennerin und Kuratorin Christa Lichtenstern es fasst: Ziel sei nicht die letztgültige Beschreibung, sondern der tastende Prozess, „das ständige Pulsieren zwischen Innen und Außen“; manchmal ist gar nicht unterscheidbar, was Innen und Außen sein soll im Ineinandergreifen der Elemente, der aufgebrochenen, aufgefalteten Flächen.

„Sein innovativster Schritt war die Arbeit mit Wachs“, erklärt Lichtenstern. Cimiotti nämlich baut seine Bronze-Arbeiten aus Wachs auf, das gehärtet und ausgeschmolzen wird und erhält so seine fluiden Formen. Die Zeichnungen hier dienen also nicht als Vorarbeiten, sondern sind wunderbare, eigenständige Werke.

Zwischen Abstraktion und Figur

Zur Zeit des Informel arbeitet Senkrechtstarter Cimiotti noch kleinformatig, lässt seine Plastiken von unten herauf aus dem Material wachsen, so wie ein „Baum“ oder „Der Berg und seine Wolken“ es tun. Später geraten die Plastiken voluminöser, Emil Cimiotti findet zu anthropomorphen Formen und auch wieder zur Figur – die große Frauenplastik „Ich denke an Alice“ sieht skeletthaft und lebendig zugleich aus, „auch im Verfall die Erscheinung feiern“, nennt Cimiotti seine Auffassung des Todesthemas.

Im Spätwerk setzen manche seiner Plastiken zum Schweben an, wie die „Alpha“-Schwingen, die sich herrlich frei im Gang ausbreiten. Oder die geknüllte Fläche, mit der der Künstler, der im hohen Alter an Papierreliefs arbeitet, seine Bildhauerei vor wenigen Jahren abschloss: Sie fliegt schimmernd auf ihrem Sockel und heißt schlicht – und ergreifend – „Atmen“.

Kuratorenführung am Sonntag

Vernissage Einen ersten Blick kann man bei der Wiedereröffnung des Edwin-Scharff-Museums heute, 18 Uhr, in die Ausstellung werfen, die in Kooperation mit dem Georg-Kolbe-Museum Berlin entstanden ist. Am Sonntag, 11 Uhr, wird sie offiziell eröffnet. Am Sonntag, 15.30 Uhr, gibt Christa Lichtenstern eine Kuratorenführung, die sich Interessierte nicht entgehen lassen sollten. Am Eröffnungswochenende ist im ganzen Haus von 10 bis 18 Uhr freier Eintritt. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, erhältlich für 24 Euro. Mehr Infos: www.edwinscharffmuseum.de

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