Serie Vom Unort zum Kunsthort

Der Treppenabgang an der Herdbrücke zur Donau.
Der Treppenabgang an der Herdbrücke zur Donau. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / ULRIKE SCHLEICHER 06.08.2015
Eine öffentliche Toilette, ein Schwulentreff, ein großer Mülleimer – das alles war der Treppenabgang an der Herdbrücke zur Donau lange. Dank kreativer Köpfe ist er zur beliebten Sommer-In-Bar geworden.

Es war lange ein Unort. Die meisten Leute passierten die Stelle so schnell wie möglich. Wer doch kurz verweilte, sah in einen vermüllten, morastigen Schlund und schauderte. Schon in den 80er Jahren galt der Treppenabgang an der Ulmer Herdbrücke neben dem Rosengarten als unattraktiver Ort. Zum einen, weil sich dort eine öffentliche Toilette befand. Zum anderen, und das war noch anrüchiger, weil sich dort die Schwulenszene traf.

Die Stadt schloss in den 1980er Jahren den Zugang zur Donau, da die Treppe als zu dunkel und schlecht einsehbar galt. Als „Cruising Point“ wurde die Toilette von Schwulen weiter genutzt. Bis die Stadt 2002 schließlich die gesamte Anlage verriegelte. Seither wurde sie nicht mehr genutzt.

Eine gute Lösung war das nicht. Denn der Ort verwahrloste. Durch das Abfallproblem, das dort entstand, wurde der geschlossene Treppenabgang zuletzt als „Müllloch“ bekannt, das man gar nicht so schnell säubern könne wie es wieder zugemüllt werde, hieß es noch 2011 in dieser Zeitung. Der damalige Baubürgermeister Alexander Wetzig regte deshalb an, die Stelle stadtgestalterisch aufzuwerten. Nur: Niemand hatte eine richtig gute Idee – nichts geschah.

Stattdessen ersann Stadträtin Helga Malischewski (FWG) unermüdlich Strategien, um den Abfall dort zu verhindern. So beantragte sie, notfalls ein Drahtgitter über den Abgang zu spannen. Letzteres war ebenfalls kein schöner Anblick.

Deshalb ist es gut, wenn eine Stadt kreative Köpfe hat. So einen wie den Grafiker und Kunstschaffenden Martin Leibinger. Er tat sich 2013 mit dem Roxy unter der Devise „Kunst für alle“ zusammen, was konkret vier Projekte von Kunst im öffentlichen Raum bedeutete. Auserkoren war auch das notorische Müllloch, in dem Nicolas Vionnet (Zürich) und Wouter Sibum (Amsterdam) einen beleuchteten Springbrunnen installierten, der rund vier Meter hoch sprudelte.

Ursprünglich nur für drei Wochen geplant, waren die Bürger so begeistert, dass der Brunnen in der Grube bis Ferienende weitersprudeln durfte. Noch besser: Es stellte sich heraus, dass die ehemaligen Betreiber der „Kunstfahrschule“ am Ehinger Tor, Petra Schmitt und Stefan Bausenhart – genannt BC –, die einstige Schmuddelecke neu bespielen wollten: Als einen Ort für Kunst in Kombination mit einer Bar, deren Erlös wiederum der Kunst zugute kommen soll. Diese Idee wurde durch die politischen Instanzen getragen und schließlich für zwei Jahre genehmigt. Der Name des Ortes ist bezeichnend: „Die Stiege“.

Im zweiten Jahr hat sich der barbetriebene Kunstort oder die kunstbetriebene Bar vollends etabliert. Ausstellungen wie vom Ulmer Fotografen Conné van d´Grachten, der Menschen und Leben am Strand festhielt, die Szenen der Illustratorin Tine Fetz, die Israel im Jahr 2011 besucht hatte, Lesungen sowie Musik ziehen das Publikum in „Die Stiege“. Ansonsten ist es einfach der Charme des Ortes: Auch wer nicht auf der Stadtmauer sitzt oder an den kleinen Tischen vor der Treppe oder unten an der Donau, bleibt kurz stehen und schaut hinein und hinunter in das volle Leben.

Einst und jetzt

Veränderungen In loser Reihenfolge stellen wir in unserer Sommerserie „Einst und jetzt“ Orte oder Gebäude in Ulm/Neu-Ulm vor, die sich deutlich verändert haben. Den Auftakt macht die „Stiege“ am Donauufer, in weiteren Folgen geht es um den Bärenzwinger in der Friedrichsau, das Stadtbad/Musikschule, die Straßenbahn, das Wieland-Gelände, den Neu-Ulmer Volksfest-Platz, das Haus der Begegnung und die Stadtgärtnerei in Neu-Ulm.