Rotlicht Vom Metzger zur Rotlicht-Größe

Das Eros-Center in Ulm war sein erstes Bordell
Das Eros-Center in Ulm war sein erstes Bordell © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / HANS-ULI MAYER 21.11.2014

1996 hat Marcus Eberhardt als knapp 30-Jähriger seine ersten Erfahrungen im Rotlicht-Milieu gemacht. Der Sohn eines Juweliers aus Pforzheim hat nach der wirtschaftlichen Pleite seiner Eltern früh auf eigenen Beinen stehen müssen, Metzger und Koch gelernt, und doch schnell beschlossen, auf andere Weise zu Geld kommen zu wollen. Seine erste Freundin war Prostituierte und mit dieser von ihm „Heiderösle“ genannten Frau kaufte er auch sein erstes Bordell.

Das war 1999 in Ulm, wo er mit Hilfe privater Investoren für vier Millionen D-Mark das Laufhaus an der Ecke Beringerbrücke/Blaubeurer Straße gekauft und den Grundstock für sein heutiges Imperium gelegt hat. Zum Durchbruch verhalf ihm aber nicht nur ein gewisses Geschick („Ich habe zwar keine Ahnung vom Steuerrecht, weiß aber, wie man erfolgreich ein Bordell führt“), sondern vor allem das Prostitutionsgesetz der rot-grünen Bundesregierung von 2002. Das sollte Frauen schützen und Zuhälter bekämpfen, bewirkte aber das Gegenteil. Eberhardt: „Das Gesetz hat mich reich gemacht hat.“

So reich immerhin, dass ihm die Staatsanwaltschaft Steuerbetrug in Höhe von knapp 1,6 Millionen Euro vorwerfen kann – allein, weil er zahlreiche Luxuslimousinen steuerlich absetzte, obwohl die fast ausschließlich seinem privaten Vergnügen dienten, wie die Anklage behauptet. Für ihn selber gehören dicke Autos zum Geschäft. Sie verschaffen ihm Ansehen und Gewicht im Milieu: „Für mich braucht jede Bordell-Firma einen Rolls Royce.“

Ein Jahr vor dem Start im Eros-Center in Ulm hat er die Gesellschaft Beringerbrücke GmbH gegründet, die zwischenzeitlich zehn Bordelle betreibt. Im Jahr 2000 kam die Gesellschaft F.A.M.E dazu, unter dessen Dach ebenfalls mehrere Bordelle gehören und im Jahr 2005 die Eberhardt Entertainment Enterprise GmbH, die FKK-Clubs betreibt, aber auch eine Werbeagentur und eine Künstlervermarktung und nach seinen Angaben 90 Angestellte zählt. „Durch den Wegfall der Sittenwidrigkeit durften wir Werbung machen. Das war genial.“

Die teuren Autos gehören zum Konzept, weshalb sich der Bordellbetreiber gegen den Vorwurf wendet, dass die Limousinen sein privates Hobby seien. Dazu gehört auch, dass er sich 2006 von Prinz Frederic von Anhalt, dem Ehemann von Hollywood-Diva Zsa Zsa Gabor adoptieren ließ, beziehungsweise viel Geld dafür hinlegte, dass er sich seither „Prinz Marcus von Anhalt“ nennen darf. Seither trägt er seine kurzen Haare an der großen Diva ausgerichtet stets nach oben aufgestellt wie eine natürliche Krone.

In der Anklageschrift wird er offiziell Marcus Frank Adolf von Anhalt genannt, was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass er sich selbst gerne als Gesamtkunstwerk sieht und es am liebsten hat, wenn er „Prinz Marcus“ genannt wird. Das gehört zum Geschäft, und seit sich die Boulevardmedien um den zwielichtigen Metzger aus Pforzheim reißen, läuft das auch gut.

„In dem Moment, wo eine Kamera angeht, beginnt für mich die Arbeit“, sagt er in seinem eigenen Deutsch. Das hat ihn jedoch nicht daran gehindert, in den Jahren seit 1999 FKK-Clubs, Sauna-Clubs, Bordelle und Wellness-Clubs in Ulm, Neu-Ulm, Stuttgart, Pforzheim, Frankfurt und Köln zuzukaufen. Die Zahlen schwanken immer so um die 20, er selber taxiert sein Vermögen auf einen dreistelligen Millionenbetrag, jedenfalls behauptet er, dass kein anderer in Deutschland mehr Bordelle besitzt als er.

2002 hätte ihn die Polizei fast gehabt. Kurz vor Einführung des Prostitutionsgesetz setzte es eine Anklage wegen Menschenhandel, Zuhälterei und Förderung der Prostitution. Doch die Beweislage war dünn, das Gericht tat sich schwer und stimmte einem Deal mit einer milden Haftstrafe zu, die sich der Angeklagte mit 300 000 Euro erkaufte, die er von einer Frau mit Dolly-Buster-Figur auf den Gerichtstisch legen ließ. Nach seiner Haftentlassung strukturiert er sein Unternehmen um. Nach eigenen Angaben arbeitet er nicht mit Zuhältern, sondern vermietet in seinen Häusern die Zimmer für 120 Euro am Tag an die Prostituierten. Wie viel die arbeiten und einnehmen, sei ihm völlig egal. Von Anhalt verdient an der Vermietung von Zimmern, spart sich einen teuren Sicherheitsdienst und ruft bei Schwierigkeiten sofort die Polizei, die sei schließlich „die billigste Security“. Allein die beiden Gesellschaften Eberhardt Entertainment Enterprise und F.A.M.E. sollen 41 Millionen Euro eingenommen haben, sagte er nicht ohne Stolz im Gerichtssaal.

Von Anhalt scheint die Rolle zu gefallen, die er in dem Verfahren einnimmt. Zwar ist er der Angeklagte, der am Ende auch zu einer Haftstrafe verurteilt werden kann, bis dahin aber steht er im Mittelpunkt, von dem aus er den Verfall der Sitten im Rotlicht-Milieu beklagt. Nur noch Verbrecherbanden seien am Drücker, „die haben doch alle keinen Stil.“ Und mit Öffnung der Grenzen werde das Land überschwemmt von Prostituierten aus dem Osten. Unlängst hat er in einem Interview davon gesprochen, dass sich Deutschland in den letzten Jahren zum „Puff Europas“ entwickelt habe, und nirgendwo „so viel und billig gef...“ werde, wie hier.

Dass er damit selber reich geworden ist, stellt er gar nicht in Abrede. Auch er sei Zuhälter gewesen, früher, in seinen Anfängen. Heute aber sieht er sich als eine Marke und kann in seinem Hang zu schnellen und teuren Autos keine Straftat erkennen. Privat genutzt habe er die jedenfalls nie. Außerdem gehöre der Protz praktisch zum Geschäftszweck und sei notwendig.

Ein wenig scheint ihm der Glaube in seine eigenen Worte aber zu fehlen. Immerhin hat er sich vor Gericht den Beistand von gleich vier Rechtsanwälten gesichert – darunter auch den von Markus Gotzens, der auch Uli Hoeneß in dessen Steuerprozess vertreten hat.

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