Freizeit Vom Gleiten und Gleichgewicht

Ulm / Ulrike Schleicher 28.07.2018

Am Wellengang kann es nicht liegen: Der Sendener See liegt da wie ein Tischtuch. Auch der Wind spielt an diesem Tag keine Rolle. Wer bei diesen Bedingungen ins Wasser fällt, macht etwas falsch. Oder jemand anders. „Mist, t’schuldigung“, sagt die blonde Frau, als sie mit ihrem Stand-Up-Paddeling-Board auf ein anderes Brett zugleitet und zusehen muss, wie die leichte Erschütterung vom Aufeinandertreffen der Bretter den Kurskollegen im blau-schwarzen Neopren mit einem dumpfen Plumps ins Wasser katapultiert.

Nicht nur die beiden kollidieren in den ersten Minuten mit den aufblasbaren Brettern unter den Füßen und einem Paddel in der Hand auf dem See. Die Situation gleicht einer Boxauto-Arena bei der Kirmes. Fast alle kleben am Brett des anderen, bis ein paar das Paddel beherzt ins Wasser tauchen und sich von der Gruppe lösen. „Das ist ganz normal“, beurteilt Dominic Kendel, einer von zwei Kursleitern, das Verhalten der Anfänger. Er muss es wissen: Seit Mai bringen er und andere Mitarbeiter des Trendsportladens „Fifty-Eight“ (58) Leuten im zweiwöchigen Rhythmus Stand-Up-Paddeling (SUP) im Sendener Seebad bei.

Regeln werden notwendig

Dass SUP Trendsport ist, kann man spätestens diesen Sommer sehen: In den Baggerseen, die Donau und Iller rauf und runter sieht man mehr oder minder flott dahingleitende Personen, die allerdings hin und wieder nicht nur sich selbst, sondern auch etwa den Ruderern im Training in die Quere kommen. „Ja, das ist der Nachteil“, sagt Dominic. „Weil es inzwischen viele Leute machen, braucht man wieder Regeln.“

Die sollte man kennen, meint er. Und noch mehr: Zum Beispiel, wie lang das Paddel sein muss, welche Materialien es bei den Boards gibt, wie man sie behandelt, damit sie lange halten, wie sie aufgepumpt werden, wie man sich beim Ein- und Ausstieg am Wasser verhält, wie man auf dem Board aufsteht, es lenkt und dreht.

An diesem Samstag sind rund 16 Frauen und Männer gekommen, um all dies zu lernen. Die meisten einfach nur, „um es mal auszuprobieren“, wie eine sportliche Frau sagt. Eine, weil sie ein Board zum Geburtstag bekommen hat und es im Urlaub nach Korsika geht: „Da will ich mich am Strand nicht blamieren“, sagt die Frau lachend, die mit ihrer Tochter am Kurs teilnimmt. Andere haben schon höhere Ziele: „Ich schau mir das heute an und dann mach ich vielleicht noch den Yoga-Kurs auf dem Brett“, sagt eine junge Frau, die ihre Freundin mitgebracht hat.

Die Bretter liegen schon bereit, auch die Luftpumpen. Dominic erklärt, wie der Schlauch an Brett und Pumpe angeschlossen wird. „Öffnet das Ventil“, sagt er. Überall ist ein lautes „Pffff“ zu hören, überall fliegen Haare hinter die Ohren – „ganz schön Druck drauf“, sagt jemand. Schließlich herrscht Ruhe, die Schläuche sitzen. Ein Bar muss in das Brett hineingepumpt werden. „Locker aus den Knien, nicht die Arme auf und ab bewegen“, so ein kräftesparender  Tipp des Kursleiters. Dann das Paddel: „Wenn ihr es vor euch hinstellt, sollte es so hoch sein, dass man die Hand locker über den Griff legen kann.“

Die Bretter – es sind gute Allrounder-Boards sowie ein paar schmalere, wendigere darunter – sind erstaunlich leicht für ihre Länge, die zwischen drei und vier Metern liegt. Die Teilnehmer tragen sie zum Steg. Nacheinander geht es ins Wasser. „Keine Akrobatik“, warnt Kursleiter-Kollege David aus Costa Rica. Soll heißen, erst einmal auf alle Viere in der Mitte des Boards. „Dann langsam in die Hocke und Aufstehen“, heißt das nächste Kommando. Klappt. Bei den meisten. Nur eine junge Frau verharrt mit gebeugtem Rücken und Knien, die Hände auf dem Brett. „Ich komme nicht hoch“, stöhnt sie. Sie leidet unter einem gebrochenen Zeh und hat ein relativ schmales Brett – beides verursacht Gleichgewichtsprobleme.

Ausgesprochen gesund

Die haben auch andere. Merkwürdigerweise will partout niemand ins Wasser fallen. Obwohl es warm ist, die Sonne scheint und alle schwimmen können. „So lange bis das nicht passiert ist, stehen viele verkrampft auf dem Brett“, sagt Dominic, der eigentlich Bauingenieur ist, bei „Fifty Eight“ aber seit sieben Jahren alles macht, was mit Surfen, Skaten und Paddeling zu tun hat: Danach sei der Knoten meist geplatzt.

Stimmt. Immer wieder hört man einen Schrei, dann einen Plumps, Prusten, Gelächter. Die Übungen von David – sich auf dem Brett zu drehen oder nach hinten zu gehen – sind eine Herausforderung für viele der Anfänger. Aber man merkt, wie ihr Spaß bei jedem Paddelschlag größer wird.

SUP gilt als ausgesprochen gesunder Sport. Er stärkt Rücken und Bauch und trainiert die kleinen Muskeln, weil man das Gleichgewicht halten muss. Für Dominic spielt auch eine große Rolle, „dass man in der Natur ist, eine andere Perspektive hat und es absolut entspannend ist, etwa einen Fluss runter zu paddeln“.

Der Sendener See liegt glatt wie ein Tischtuch in der Abendsonne. An seinem Ufer entlang gleiten 16 Stand-Up-Paddler lächelnd durchs Wasser.

Preise und Touren

Kauf Natürlich gibt es verschiedene Boards für verschiedene Ansprüche. Es gibt welche für Touren, Rennen, Wildwasser, Yoga, Kinder und All-Rounder-Boards. Ein relativ gutes I-Board (I steht für inflatable) gibt es ab etwa 600 Euro, danach steigen die Preise bis zu 1700 Euro hoch.

Leihen In Ulm verleiht der Trendsportladen „Fifty Eight“ Bretter aller Art sowie das dazu notwendige Zubehör. Ein anderer Anbieter ist die „SUP-Station“ am Neu-Ulmer Fluss-Ufer. Beide bieten Kurse und geführte Touren an, etwa die Iller entlang.  Beim Verleiher „Fifty Eight“ inUlm gibt es auch Yogakurse auf dem Wasser.

Regeln Es gibt drei wichtige: Flussaufwärts rechts fahren, Respekt für die Natur, kein Müll ins Wasser werfen sowie einen gewissen Sicherheitsabstand zum Ufer einhalten.

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