Gesellschaft Vom Alltag eines Obdachlosen

Jürgen (links) und Lenny: Unter dem Motto „Blickwinkel“ zeigen sie Interessierten die Stadt aus der Sicht von Wohnsitzlosen. Neben anderen unterstützen das DRK Ulm und die Wohnungslosenhilfe der Caritas das Angebot.
Jürgen (links) und Lenny: Unter dem Motto „Blickwinkel“ zeigen sie Interessierten die Stadt aus der Sicht von Wohnsitzlosen. Neben anderen unterstützen das DRK Ulm und die Wohnungslosenhilfe der Caritas das Angebot. © Foto: Volkmar Könneke
ulm / Ulrike Schleicher 01.08.2018

Der Eingang zur Pauluskirche hat Vor- und Nachteile. Das Dach, wie ein Baldachin geformt, schützt vor Wind und Wetter. In einer Ecke befindet sich eine Nische, in der man „auch mal ein Buch lesen kann“, wie Lenny sagt. Ansonsten jedoch würde der ehemalige Wohnsitzlose den Platz „höchstens als Not-Platte“ nutzen. Eine Nacht und nicht länger. Die Kneipe gegenüber ist der Grund. „Wer weiß, ob da nicht Betrunkene sind, die auf ihrem Heimweg Blödsinn im Kopf haben.“ Versteckte Plätze seien immer sicherer, auch wenn man wie Lenny einen Hund dabei hatte.

Der in Ulm bekannte Verkäufer der Straßenzeitung Trott-war denkt an Vorfälle wie in Berlin, wo ein wohnsitzloser Mann angezündet worden ist, wenn er so etwas sagt. Leben auf der Straße ist ohnehin nicht einfach – in diesen Zeiten immer weniger.

Zusammen mit Jürgen, der in seinem früheren Leben Angestellter in einem Bauamt war,  führt der 49-jährige Lenny im Auftrag der Caritas Ulm und anderen Organisationen unter dem Thema „Blickwinkel“ Interessierte durch die Stadt. Die beiden  zeigen, wo sich Obdachlose aufhalten, erzählen von ihrem Leben, den Alltag beim „Platte machen“ wie die Obdachlosen das Übernachten unter Brücken, in Parkanlagen, auf Bänken, und in Hauseingängen nennen.

Das erste Jahr habe er überhaupt nicht begriffen, dass er auf der Straße lebe, sagt Lenny. „Eine schlimme Zeit.“ Dann habe er sich dran gewöhnt und könne im Rückblick auf die rund acht Jahre eine ganz positive Bilanz ziehen. Er habe viel von Deutschland, ein bisschen von Europa gesehen und zum Teil „gute Leute“ kennengelernt. Immer in Begleitung eines Hundes. Seit acht Jahren ist das die freundliche Schäferhündin Pico.

Viele sind Einzelgänger

Zurück auf die Straße will der  Allgäuer trotzdem nicht mehr. „Der Alltag ist bestimmt davon, sich einen Schlafplatz zu suchen und Geld für Essen zu beschaffen.“ Betteln etwa sei eine entwürdigende Erfahrung und verlange viel Überwindung. Er habe dies von den Berbern gelernt, von denen es früher noch mehr gab. „Heute konkurrieren Obdachlose mit organisierten Bettlerbanden.“ Gruppen von Wohnsitzlosen habe er gemieden, sagt Lenny. „Vor allem, wenn Schnaps die Runde machte, bin ich weg.“

Auch Jürgen ist keiner, der viele Leute um sich mag. „Die meisten Wohnsitzlosen sind Einzelgänger“, sagt er und meint damit auch sich selbst.  Ein Grund dafür sei sicher Scham. Verschont vor diesem Schicksal werde jedoch niemand. Man treffe auf Ärzte, Unternehmer, Anwälte... Auf der Straße muss der 56-Jährige allerdings nicht leben. Er ist Eigentümer eines Wohnmobils und hat immer ein Dach über dem Kopf.

Eine der Stationen der Führung ist das DRK-Übernachtungswohnheim. Dort können Menschen schlafen, duschen, essen und Kleidung bekommen. „Ich war dort nie“, erklärt Lenny. Es gebe keine Privatsphäre... Er habe es vorgezogen, draußen zu schlafen. „Aber dafür braucht man gute Ausrüstung.“ Von den 26 Schlafplätzen im Übernachtungsheim sind einige für Frauen und einige für Kranke. „Drogen und Alkohol sind selbstverständlich verboten“, sagt Lenny.

Es geht weiter zur Wohnungslosenhilfe der Caritas in der Michelsbergstraße. Dort können in drei Wohnungen zwölf Männer unterkommen. Sie zahlen Miete, können ihre Wäsche waschen und essen. „Zum Teil arbeiten die Bewohner in der Hauswirtschaft mit“, erklärt Dieter Löb, der seit fast 30 Jahren Sozialarbeiter in der Wohnungslosenhilfe ist. Wer hierher kommt, wolle  versuchen, aus der Obdachlosigkeit heraus zu kommen. Ein Betreuungsvertrag mit der Einrichtung halte diesen Willen fest.

Lenny, der dort früher seine Postadresse hatte, ergänzt aus eigener Erfahrung: „Hier wird einem geholfen.“ Egal, ob es um das Ausfüllen von Behördenformularen gehe, um Jobs oder um psychosoziale Hilfe. Der 49-jährige hat es geschafft. Er hat eine Zwei-Zimmer-Wohnung, verdient etwas Geld mit dem Verkauf der Zeitung, zahlt Steuern. Für ihn ist das der richtige Weg. Für Jürgen nicht. Er lebt von Gelegenheitsjobs und ist krankenversichert. Ansonsten will er mit dem System nichts mehr zu tun haben. „Bis auf Momente der Einsamkeit, bin ich mit meinem jetzigen Leben sehr zufrieden.“

Die Arbeit der Caritas in Ulm

Geburtstag Im Zuge des 100. Geburtstags des Caritasverbands der Diözese Rottenburg-Stuttgart stellt sich auch die Caritas in Ulm vor. Die Führung „Blickwinkel“ ist von der Wohnungslosenhilfe initiiert und findet einmal im Monat oder per Anfrage statt. fbs@caritas-ulm.de.

Hilfen Neben dieser Einrichtung stellt der Verband in der Stadt Hilfen für Behinderte, Geflüchtete, alte, arbeitslose und überschuldete Menschen zur Verfügung. Ebenso für Kinder, Ehepaare mit Problemen, Familien, Schwangere, Süchtige und Migranten. Detaillierte Infos und Hilfe in Notsituationen unter: (0731) 20 630, info@caritas-ulm-alb-donau.de

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