Der durchschnittliche Schüler der Friedrich-List-Schule in Ulm hat diese Kleidungsstücke im Schrank hängen: 7 Hosen etwa vom vergangenen Jahr plus 7 in diesem Jahr gekaufte. Dazu 23 Oberteile aus den Vorjahren plus 21 neue. Dazu kommen noch 5 Paar alte Schuhe plus 5 Paar Schuhe von diesem Jahr. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer Online-Umfrage, die 17 Schüler des Wirtschaftsgymnasiums der Klasse 12 im Rahmen ihres Seminarkurses vorgenommen haben. Ein Projekt des einjährigen Seminarkurses „nachhaltige Textilwirtschaft“ war die „empirische Erhebung zum textilen Konsumverhalten junger Menschen“. So sperrig der Titel, so interessant das Ergebnis und der Kurs.

Wissenschaft Der wurde zum ersten Mal an der List-Schule wissenschaftlich begleitet von Prof. Dr. Martin Müller, der an der Uni Ulm nachhaltige Unternehmensführung lehrt. Dessen wissenschaftliche Mitarbeiterin Samira Iran hat am Mittwoch den Schülern die Ergebnisse der Umfrage präsentiert. Die hatten die Schüler durchgeführt, „ich habe die Zahlen für euch gerechnet“, beschreibt sie ihre Arbeit. Übrigens liegen die Schüler mit ihrer stattlichen Anzahl an Einkäufen laut Iran noch unter dem Bundesdurchschnitt.

Bei der Umfrage haben 363 List-Schüler mitgemacht, „ein sehr guter Rücklauf“, wertet Wissenschaftlerin Iran. Beteiligt haben sich 60 Prozent Frauen und 40 Prozent Männer, im Durchschnitt 17,9 Jahre alt. Die Umfrage ist „glaubwürdig“, sagt etwa Schülerin Sema. Etwa das Ergebnis, dass die Schüler monatlich zwischen 50 und 200 Euro zur Verfügung haben, und – egal wie hoch das Budget des Einzelnen ist – davon 70 Prozent für Textilien ausgeben.

Nachhaltigkeit Da die Untersuchung unter dem Aspekt „Nachhaltigkeit“ geführt wurde, erfragten die Schüler, wie lange ihre Mitschüler ein Kleidungsstück tragen. Das Ergebnis: Schuhe und Oberteil nicht länger als 14 Monate. Damit sortieren die Schüler deutlich schneller Kleidungsstücke aus als ihre Altersgenossen im Bundesdurchschnitt. Iran wertete das so: „Euer Konsumverhalten ist nicht nachhaltig.“

Neue Kleidung ist angesagt

Zudem tragen die List-Schüler am häufigsten neu gekaufte Kleidung. Weitergegebene Kleidung von Verwandten, im Secondhand oder auf dem Flohmarkt erstandene – das wollen sie nicht anziehen. Aber, und das ist auch ein Umfragen-Ergebnis: „Die Schüler haben eine positive Einstellung zum kollaborativen (nachhaltigen, Anm. d. Red.) Kleidungsstil, aber es wird wenig praktiziert.“ Eine weitere Erkenntnis: „Die sozialen Normen beeinflussen die Konsumentscheidungen der Schüler am meisten.“ Offenbar gehört das Shoppen mit gutem Gewissen nicht zur sozialen Norm der List-Schüler.

Einstellung Jedoch hat sich bei den Kurs­teilnehmern die Einstellung zum Konsum von Kleidung geändert. Das war eines der Ziele der Lehrer Carmen Berndt (BWL, Geschichte) und Christian Keinath (Religion). Beide hatten das Thema entwickelt und die Schüler betreut. Keinath ist stolz auf die wissenschaftliche Begleitung der Schüler, die so eine Ahnung von den Anforderungen in einem Proseminar an einer Hochschule bekommen haben.

Veränderung Schülerin Ellen beschreibt ihre  jetzige Sichtweise auf den Kleiderkauf so: „Ich achte mehr auf das was, ich kaufe. Man muss sich mal bewusst machen, wie weit eine Jeans reist, bis sie bei uns in den Läden hängt.“ Schülerin Julia hat der Besuch beim Öko-Mode-Anbieter „Hess-Natur“ beeindruckt. „Das ist mir zwar zu teuer, aber es muss bei Kleidung nicht das billigste vom Billigen sein.“ Und Schülerin Tubga meint: „Bei mir hat das Seminar voll viel verändert. Ich frage mich jetzt jedes Mal beim Einkaufen: Brauche ich das wirklich?“

Stiftung fördert Seminarkurs


Zusammenarbeit Die wissenschaftliche Begleitung des Seminarkurses an der List-Schule kam über ein Programm der Robert-Bosch-Stiftung zustande, die die Vernetzung von Schule und Uni fördert. Auf die Stiftung hingewiesen hatte Magdalena Ulmer vom Ulmer Initiativkreis nachhaltige Wirtschaftsentwicklung. Die Stiftung hat etwa Ausflüge der Schüler finanziert, den Besuch bei Hess-Natur in Butzbach, bei einem Garnhersteller in Balzheim, ins Nähcafé Dietenheim. Den Schülern wurden im ersten Halbjahr Methoden vermittelt, im zweiten Halbjahr wurden die Seminararbeiten geschrieben.