Die Ulmer vh hat unter dem Motto „Einmischung erwünscht“ maßgeblich an der demokratischen Entwicklung der Stadt mitgewirkt. Nun hat sich ein leitender vh-Mitarbeiter in eine Debatte eingemischt – und sieht sich „mundtot“ gemacht.

Andreas Lörcher ist Leiter des Aicher-Scholl-Kollegs. Das gehört zur vh, ist aber im HfG-Gebäude auf dem Hochsträß eingemietet. Lörcher hatte sich vor Monaten öffentlich unbequem zur HfG-Stiftung geäußert. Daraufhin wurde er von Dagmar Engels, die da noch vh-Leiterin war, unter Androhung arbeitsrechtlicher Konsequenzen mit einem Sprechverbot belegt.

„Ich lasse mich nicht mundtot machen“

Jetzt macht der 39-Jährige den Streit öffentlich. „Ich lasse mich nicht mundtot machen. Rede- und Diskursfreiheit ist ein zu kostbares Gut“, sagt er. Die Ulmer vh sei schließlich im Gedenken an die ermordeten Geschwister Scholl entstanden, sie stehe für Zivilcourage und kritischen Diskurs.

Dagmar Engels, die Anfang April nach 27 Jahren als vh-Leiterin in den Ruhestand gegangen ist, bestätigt, dass sie Lörchers öffentliche Kritik an der HfG-Stiftung nicht akzeptabel fand. „Ich habe ihm gesagt, dass er als Fachbereichsleiter der vh über alles Auskunft geben darf, was seinen Fachbereich betrifft – aber dass er sich nicht öffentlich über einen Kooperationspartner der vh äußern kann, schon gar nicht über Zahlen und Finanzen.“ Lörcher habe seine Kompetenz überschritten, sagt Engels: „In keinem Unternehmen können Mitarbeiter nach außen reden, was sie wollen. Es gibt Regeln, an die muss man sich halten.“

„Es wurde oft laut“

Lörcher arbeitet seit 2009 an der vh. Sein Verhältnis zu vh-Chefin Engels sei anfangs durchaus sehr gut gewesen, betont er: „Sie hat eine nette, lockere Seite und Humor.“ Es habe sich aber etwas verändert, als er 2011 zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde. Er habe diese Aufgabe ernst genommen, „es gab ständig Ärger“. Engels habe das Betriebsverfassungsgesetz ignoriert, sagt Lörcher, sie sei impulsiv gewesen: „Es wurde oft laut.“

Er sei „nicht everybody’s darling“, sagt Lörcher, „aber auch kein Streithansel“. Engels habe sein Engagement jedoch als Einmischung in ihre Führung empfunden: „Das verträgt sie schlecht, darauf reagiert sie allergisch.“

An solche Konflikte kann sich Dagmar Engels nicht erinnern: „Das habe ich überhaupt nicht so empfunden. Dazu kann ich wirklich nichts sagen.“ Und 2012 habe Lörcher zu ihrem 60. Geburtstag eine äußerst nette, zugewandte Rede gehalten. Als 2013 das Aicher-Scholl-Kolleg zur beruflichen Orientierung von Schulabgängern gegründet wurde, habe Lörcher die Stelle unbedingt gewollt und bekommen, sagt Engels.

Das Kolleg zog ins HfG-Gebäude, wurde Mieter der HfG-Stiftung. Als der Vorsitzende der Stiftung, Alexander Wetzig, in einem Interview mit der SÜDWEST PRESSE vergangenes Jahr die Situation auf dem Hochsträß als sehr positiv darstellte, meldete sich Lörcher kritisch zu Wort.

Wetzigs Einschätzung gehe an der Realität vorbei, sagte Lörcher. Das Nutzungskonzept der Stiftung sei nicht aufgegangen, werde Lehre und Wirkungsgeschichte der HfG nicht gerecht. Der Geist der HfG sei nicht wieder für ein breites Publikum erlebbar. Wer das Gebäude besuche, betrete „die leblose Hülle der HfG“.

Lörcher wurde daraufhin der Kontakt zur HfG-Stiftung untersagt, und er bekam ein Presseverbot. Engels bestätigt das. Sie habe Lörcher einen Eintrag in die Personalakte, auch eine Abmahnung angedroht, falls er nochmals seine Kompetenz überschreite. Denn: „Öffentliche Positionen gegenüber der Stadt und Kooperationspartnern der vh kann nur die vh-Leitung einnehmen.“

Lörcher irritiert das. Er lebe und liebe seinen Job, „etwas Erfüllenderes kann ich mir nicht vorstellen“. Und das, obwohl das Kolleg dürftig ausgestattet sei und er einen Mangel verwalte.

Er habe sich beruflich bewusst für die Ulmer vh und das Aicher-­Scholl-Kolleg entschieden, sagt Lörcher: „Für was stehen denn diese Einrichtungen, diese Namen?“ Gerade angesichts des geistesgeschichtlichen Erbes der Ulmer vh ist er „erschüttert“. Man solle dort doch querdenken und Diskurse über strittige Themen führen. Zu einer solchen „Schule der Demokratie“ gehöre zwingend Meinungsfreiheit.

„Die Ulmer vh ist die freieste Volkshochschule in Deutschland“, entgegnet Dagmar Engels. „Man darf in inhaltlichen Debatten auch Kritik an der Stadt üben. Aber als vh-Mitarbeiter einem Kooperationspartner Haltungsnoten zu geben, geht nicht. Das habe ich mir verbeten.“ Lörchers Vorwurf, er habe einen Maulkorb bekommen, sei unangemessen.

Dass sie selbst Ambitionen habe, als Wetzig-Nachfolgerin Vorsitzende der HfG-Stiftung zu werden, weist Dagmar Engels klar zurück: „Ich suche keine weiteren Posten, daran habe ich noch nicht einmal gedacht.“

Da Engels Anfang April in den Ruhestand gegangen ist, hat ihr Nachfolger Christoph Hantel den Konflikt arbeitsrechtlich geerbt. Hantel äußert sich dazu noch nicht, er will sich erst ein umfassendes Bild machen und mit allen Beteiligten sprechen.

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Zur Person Andreas Lörcher (39) stammt aus dem Weinbauort Horr­heim bei Vaihingen und hat in Freiburg Geschichte und Kulturanthropologie studiert. Er promovierte über Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland. 2009 kam er an die Ulmer vh, um die Denkstätte Weiße Rose zu leiten und Kurse zu organisieren. 2013 wurde das Aicher-Scholl-Kolleg gegründet, Lörcher übernahm die Leitung.