Etwas völlig Neues soll entstehen, und zwar in einem Altbau. Die Neu-Ulmer Wohnungsgesellschaft Nuwog lässt vier Mehrfamilienhäuser aus den 30er Jahren so modernisieren, dass sie künftig mehr Energie produzieren, als ihre Bewohner selbst verbrauchen. Ein ehrgeiziges und bisher noch nirgends erreichtes Ziel, sagte Ministerialrat Hans-Dieter Hegner vom Bundesbauministerium bei der Vorstellung des Projekts. Er ist sich sicher: "Die ganze Bundesrepublik wird auf Neu-Ulm schauen."

Das Bundesministerium für Verkehr und Bauwesen hat unter dem Titel "Effizienzhaus Plus" eine Forschungsinitiative gestartet, die inzwischen auf 32 geplante oder bereits gebaute Häuser angewachsen ist. Die Nuwog wurde als einzige deutsche Wohnbaugesellschaft als Partner ausgewählt - "eine Anerkennung für die seit Jahren anhaltenden Bemühungen der Nuwog, neue Standards zu setzen", findet OB Gerold Noerenberg. Er freut sich über das Modellprojekt als "eine zusätzliche Attraktion in Neu-Ulm".

Ministerium und Nuwog haben für die Modernisierung der Häuser in der Pfuhler Straße in Offenhausen einen europaweiten Wettbewerb ausgelobt. Aus ihm gingen zwei Sieger hervor, beides renommierte Planer. Jeder von ihnen wird zwei Häuser modernisieren.

Entwurf Sobek: Prof. Werner Sobek und sein Team von der Universität Stuttgart stülpen den Häusern eine neue Hülle über. Sie besteht aus vorgefertigten Teilen: das Dach aus einer Holzkonstruktion, die Wände haben eine Zellulose-Dämmung. Würde das Haus irgendwann einmal abgerissen, ließe sich alles recyceln, sagte Sobek.

Entwurf Hegger: Prof. Evan Manfred Hegger und sein Team von der Technischen Universität Darmstadt verbessern die Hülle der Häuser und damit die Dämmung erheblich. Hegger verwendet dazu Holz und mineralische Stoffe für die Wände, was ebenfalls sortenreines Recycling ermögliche.

Beiden Entwürfen gemein ist die Energieerzeugung mittels Photovoltaik auf dem Dach. Beide wollen zudem die Wohnqualität für die Bewohner deutlich verbessern: größere Fenster, neue Bodenbeläge, moderne Küchen und Bäder, leicht veränderte Grundrisse. "Der Wohnkomfort ist genau so wichtig wie die Energieeinsparung", sagte Sobek.

Die Bauarbeiten sollen im März beginnen und bereits im Sommer abgeschlossen sein. "Ein enges Zeitgerüst und logistisch eine Herausforderung", sagte Nuwog-Geschäftsführer Helmut Mildner. Er rechnet mit Sanierungskosten von 1600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche, insgesamt also rund 1,9 Millionen Euro. Knapp die Hälfte davon trägt das Bundesministerium im Rahmen des Forschungsprojekts.

Denn die vier Nuwog-Häuser werden auch nach der Sanierung im Blickpunkt bleiben. Energieproduktion und Energieverbrauch werden erfasst und evaluiert. Wie hoch der Energieüberschuss der Häuser sein wird, ist noch nicht sicher. Simulationen zeigen aber, dass es einen Überschuss geben wird. Den Energieverbrauch der Altbauten beziffert Mildner auf 507 Kilowattstunden pro Quadratmeter pro Jahr.

Die überschüssige Energie könnte beispielsweise zum Aufladen von Elektroautos genutzt werden. OB Noerenberg sieht deshalb in dem Projekt einen wichtigen Beitrag zur Energiewende. Die Altbausanierung spiele eine entscheidende Rolle bei der Frage, ob die Energieziele der Bundesregierung erreicht werden können, sagte Ministerialrat Hegner. "Wichtig sind nicht nur die Windkraftanlagen auf hoher See und die Stromtrassen."

Die Wettbewerbssieger Sobek und Hegger werden jeweils ein weiteres Mehrfamilienhaus der Nuwog sanieren, direkt neben den Modellhäusern. Diese Sanierung läuft außerhalb des Modellprojekts und deshalb mit einem geringeren Standard und zu niedrigeren Kosten. Von diesem Vorgehen versprechen sich die Projektpartner zusätzliche Erkenntnisse. "Nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch wirtschaftlich", sagte Hegner.

Die Fachleute sind zuversichtlich, dass sie mit den Häusern in Offenhausen beachtliche Ergebnisse erzielen werden. "Wir schaffen etwas, das so noch nie da war", sagte Sobek. Sein Kollege Hegger: "Wir betreten Neuland." Stadtbaudirektor Andreas Neureuther ist sich sicher: "Dieses Projekt hat Signalwirkung für die Zukunft des Bauens."