Verkehr Weiter geht es beim Konzept für den Radverkehr in Neu-Ulm

Neu-Ulm / EDWIN RUSCHITZKA 29.11.2016

Die Stadt Neu-Ulm arbeitet weiter an der Fortschreibung ihres Radverkehrskonzepts. Im Rathaus wird dazu jetzt ein Arbeitskreis installiert, an dem auch Fachleute wie Vertreter der Polizei und des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) teilnehmen sollen. Im Anschluss daran ist eine Bürgerbeteiligung geplant. Indes: Der Weg zu einem neuen, zukunftsträchtigen Konzept scheint steinig zu sein, wie eine Diskussion im Fachausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt gezeigt hat. Der Neu-Ulmer Stadtrat schwankt zwischen kühnen Zukunftsvisionen und dem vorläufig Machbaren und Finanzierbaren.

Dr. Ralf Kaulen ist der von der Stadt zu Rate gezogene Fachplaner aus Aachen. Mit seinem Stadt- und Verkehrsplanungsbüro ist er republikweit im Einsatz, um Städte zu beraten – beispielsweise auch Augsburg. Er hat den Neu-Ulmer Stadträten in der vergangenen Woche seine Visionen vorgestellt, dabei aber auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschildert, die die Stadt nicht in allen Fällen hundertprozentig erfüllt: Die Neufassung der Straßenverkehrsordnung fordert Sicherheit vor Flüssigkeit. Zumal der Radverkehr jetzt dem fließenden Verkehr zugeordnet werde. Kombinierte Geh- und Radwege seien ein Sicherheitsrisiko und sollten vermieden werden.

Kaulen hat sich das vorhandene Radwegenetz in Neu-Ulm angeschaut, Mängel aufgelistet und kurz-, mittel- und langfristige Veränderungsvorschläge gemacht, die ziemlich weit gehen. So manchem Stadtrat zu weit, wie die sich anschließende Diskussion gezeigt hat. Was die Stadt sofort in Angriff nehmen müsste, seien Geschwindigkeitsreduzierungen beispielsweise auf der Augsburger Straße, der Geh- und Radweg am Jahnufer müsste verbessert werden, am Bahntrog entlang sollte es einen Radweg geben. Und die Radler sollten auch am Neu-Ulmer Ufer endlich unter der Gänstorbrücke fahren können, statt oben drüber. Manches von dem, was Kaulen vorgeschlagen hat, ist bereits in Angriff genommen oder beschlossen, aber noch nicht umgesetzt.

Fahrradfreundliches Neu-Ulm?

Kaulen hat die Straßen unter die Lupe genommen, die von außen in die Innenstadt führen, also beispielsweise die Reuttier Straße samt Ausburger-Tor-Platz, die Memminger Straße, die Leipheimer Straße und die Schwaben- und Bahnhofstraße. Dort gebe es ob der fehlenden Sicherheit zum Teil „erhebliche Konflikte“. Was Kaulen an Verbesserungen vorschlägt, dürfte richtig viel Geld kosten: veränderte Straßenquerschnitte, Bordsteinabsenkungen und Schutzstreifen für Radler auf beiden Straßenseiten. Kaulen schloss seinen Vortrag mit den Worten: „Ich bin mir sicher, dass Neu-Ulm eine fahrradfreundliche Stadt werden kann.“

Von Stadtbaudirektor Markus Krämer kam der erste Einwand: Er habe nicht alle von Kaulen angesprochene Vorschläge in seinen Maßnahmenkatalog übernommen: „Wir wollen das Machbare machen und nicht unnötig Erwartungen schüren, die wir nicht erfüllen können. Und wir wollen niemanden überfordern, nicht die Bürger und nicht uns als Stadt selbst.“  Krämers Maßnahmenkatalog war deshalb ungleich kürzer als Kaulens Vorschlagsliste.

Beschlossen wurde, dass die Stadt mit Kaulens umfangreichen Vorschlägen und mit Krämers Maßnahmenkatalog in den Arbeitskreis und in die Bürgerbeteiligung gehen wird. Das war von Mechthild Destruelle von den Grünen beantragt worden, der der Ansatz der Stadt nicht weit genug ging. Ähnlich äußerte sich auch Till Bauer von den Freien Wählern, der bedauerte, dass viele von Kaulens Vorschlägen nicht berücksichtigt wurden. Aber die Ansichten im Ausschuss gingen weit auseinander. Hermann Hillmann von der CSU war in Sorge: Die Veränderungen dürfen wir nicht zu Lasten des Autoverkehrs in Kauf nehmen. Und so waren die Statements ein Vorgriff auf das, was demnächst im Arbeitskreis und in der Bürgerbeteiligung wohl kontrovers diskutiert werden wird. Kaulen indes regte an, darüber nachzudenken, ob jede Straße, die in die Innenstadt führt, wirklich vierspurig sein müsse, ob es nicht mitunter auch nur zwei Spuren tun könnten.

Zeit für eine Rückbesinnung

Den Interessenskonflikt zu lösen, sei Sache des Stadtrats: „Gehen Sie an die Hauptverkehrsstraßen ran oder nicht?“ In den 50er Jahren seien die Städte autofreundlich ausgestaltet worden. „Jetzt ist es Zeit für eine Rückbesinnung zu Gunsten von Fußgängern und Radfahrern.“ Die Stadt Augsburg, die er berät, habe beschlossen, sein Rückbaukonzept an einer Achse exemplarisch auszuprobieren. „Dann werden die Bürger die Qualitäts- und Mobilitätsveränderungen begreifen.“ Damit sprach er dem Grünen Rainer Juchheim so richtig aus der Seele: „Unser Verhalten muss sich in den nächsten 20 Jahren verändern. Anders geht es nicht.“

Wie es weiter geht? Die Einladungen für den Arbeitskreis sind noch nicht geschrieben, Stadtbaudirektor Krämer will ihn aber schon im Januar einberufen. Dann soll darüber diskutiert werden. Und gleich im Anschluss soll die Bürgerbeteiligung anlaufen. Erst danach wird vom Stadtrat beschlossen, was und in welcher Reihenfolge in Angriff genommen wird.

Kommentar

Vier Fragen an Walter Radtke, Vorsitzender des ADFC

Walter Radtke ist Vorsitzender des ADFC in Neu-Ulm und in Bayern. Er setzt sich schon lange für eine bessere Radwegeführung in Neu-Ulm ein.

1 Woran krankt die Radwegeführung in Neu-Ulm Ihrer Meinung nach?
Es gibt vielfach keine Radwege, oder aber Radverkehrsführungen, die unfallgefährdend sind: zur Innenstadt zum Beispiel die Memminger Straße, der Allgäuer Ring, die Reuttier Straße. Und in der Innenstadt sind es die Hermann-Köhl-Straße, die Augsburger Straße, der Augsburger-Tor-Platz, die Schützenstraße und die Meininger Allee.

2Ralf Kaulen, der Gutachter der Stadt, schlägt ein Umdenken vor. Er will auch die Hauptverkehrsstraße und Knotenpunkte zurückbauen und fahrradtauglicher gestalten. Hat er recht?
Ja, die verschiedenen Verkehrsarten, also Fußgänger, Radfahrer und KFZ, müssen getrennt sein. Das gilt besonders für Kreuzungen und Knotenpunkte. Erst wenn sie getrennt sind, werden sie als sicher wahrgenommen und genutzt.

3 Angenommen, Sie hätten aus Sicht der Radfahrer drei Wünsche frei. Was würden Sie in Neu-Ulm sofort ändern?
Tempo 30 in der Innenstadt und im Allgäuer Ring. Dadurch wäre ein enormer Sicherheitsgewinn für alle Verkehrsarten gegeben, und das ohne Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit der Straßen.

4 Haben Sie Hoffnung, dass sich durch den Arbeitskreis und die Bürgerbeteiligung etwas verändert?
Hoffnung schon, aber dazu braucht es ein Umdenken in Sachen Verkehr bei den Entscheidungsträgern in der Stadt. Die zukünftige Mobilität ist multimodal, das heißt, der zukünftige Verkehrsteilnehmer wird verschiedene Verkehrsmittel nutzen. edru

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