Lichtshow Visionärer Farbrausch im Ulmer Münster

Ulm / Lisa Maria Sporrer 17.07.2017
Ulmer Geschichte aus einer Mischung von Kunst und Technik: Am Freitag wurde das Münster zu einem visionären Farbrausch; seit Samstag ist dort auch dessen Innenleben sinnlich erfahrbar.

Gleich über der Kanzel am siebten nördlichen Pfeiler im Mittelschiff befindet sich ein prachtvoller Schalldeckel. Er soll die Worte des Predigers zu den Gemeindemitglieder in den Bankreihen leiten, ohne Mikros und Verstärker – so erzählt es eins der Hörstücke aus der neuen App „Ulm Stories – Stimmen des Münsters“. Aber noch einen Tag bevor Besucher sich seit Samstag durch die zahlreichen Geschichten des Wahrzeichens navigieren lassen können, wurde die Kanzel und das gesamte Mittelschiff in das Licht einer Zukunftsvision getaucht.

Mit der Konzert-Performance „Resonanzen“ wurde das Ulmer Münster zu einer über 4000 Quadratmeter großen Projektionsfläche, die klanglich untermalt ein Gesamtkunstwerk schuf zwischen Vergangenheit und Zukunft. „Das wird phänomenal“, kündigte Münsterpfarrer Peter Schaal-Ahlers vor der knapp einstündigen Installation an, und dachte schon zehn Minuten nach der Öffnung der Kirche um 22.10 Uhr wieder an eine Schließung. Denn mit 2700 Besuchen war die Kirche rappelvoll, als bei Dunkelheit acht Hochleistungsbeamer die grauen Steinpfeiler in einem Licht- und Farbrausch erstrahlen ließen, Wünsche, Zeichnungen und Portraits in den Raum projizierten, und das mächtige Mittelschiff, bedrückend und zugleich hoffnungsfroh, zu einem lebendigen Ort des Wandels machten.

Bilder von Ulmern erstrahlten ebenso wie die Portraits der am Bau beteiligten Patrizierfamilien; Traumzeichnungen der St. Hildegard-Schule tauchten die Decke in ein buntes Kunstwerk und nachdenkliche Texte aus Interviews, die Schüler der Spitalhofschule im Vorfeld geführt hatten, standen neben Schlagwörtern wie Zuversicht, Glaube, Demut.

„Die Frage war ja, was wir für Mittel haben, diesen zum Stein gewordenen Koloss noch weiter zu entwickeln“, sagte der Berliner Regisseur Christian Wittmann. „Da war unsere Idee, das Münster eine Stunde lang künstlerisch als Bürgerprojekt weiterzubauen.“ In Zusammenarbeit mit den Ulmer Bürgern, Schulen und der vh setzten die Künstler Wittmann, Georg Zeitblom und Rene Liebert die Zukunftsvisionen der Ulmer in einen Zusammenhang zur Geschichte des Münsters. Darau entstand eine Komposition, die das Transhistorische visuell belebte. Schlusspunkt war die Projektion des Zitats des englischen Lyrikers T. S. Eliot: „Wenn alle Zeit immer gegenwärtig ist, ist alle Zeit untilgbar.“

Neben der Lichtinstallation und dem Flugsimulator „Birdly“, soll auch die App „Stimmen des Münsters“ als drittes Projekt der Kampagne „Ulm Stories“ die 600 Jahre Stadtgeschichte sinnlich erfahrbar machen. Auch in der App treffen Technik und Kunst aufeinander. „Wir wollten keine verstaubten Erklärungen, sondern Geschichte sinnlich erfahrbar machen“, sagte Wittmann.

So hört der Nutzer etwa bei der Station des Schalldeckels nicht  ausführliche Erläuterungen über den technischen Bau und die Architektur, sondern kann außergewöhnliche Ansprachen lauschen, die von dort erschallten – wie etwa die wegweisende Rede von 1934 gegen die Vereinnahmung der evangelischen Kirche durch den Nationalsozialismus.

Info Die App „Stimmen des Münsters“ ist seit Samstag auf entsprechenden Internetportalen downloadbar: An der Münsterpforte gibt es Abspielgeräte zum Ausleihen.

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