Verkerhschaos am Rathaus in Ulm. Seit Dienstag können Autofahrer von der Neuen Straße nicht mehr in die Herdbruckerstraße fahren.

Um 10 Uhr bietet sich folgendes Schauspiel: Im Minutentakt biegen die aus beiden Fahrtrichtungen der Neuen Straße kommenden Autos auf den Marktplatz ab. Die Schilder, die seit wenigen Stunden darauf hinweisen, dass der Bereich Fußgängerzone und somit für Autos tabu ist, haben die meisten Fahrer nicht gesehen oder fehlinterpretiert.

Und so wird der Marktplatz für zahllose Autofahrer zur illegalen Wendeschleife. Denn kurz vor der Einfahrt in die Herdbruckerstraße versperren Poller die Weiterfahrt. Die von vielen bis dato genutzte Abkürzung nach Neu-Ulm, mit der man sich die Ampel an der Kreuzung Neue Straße/Donaustraße spart, ist versperrt.

Ahnungslose Autofahrer

Auf die neue Verkehrsführung angesprochen, reagieren die meisten Autofahrer ahnungslos. Kaum jemand weiß – mangels Beschilderung – dass die Zufahrt zur Herdbruckerstraße zumindest aus Richtung Neue Mitte kommend weiter möglich ist. Allerdings muss man dazu an der Kreuzung Neue Straße/Donaustraße rechts abbiegen, dann wieder rechts in die Schelergasse abbiegen, von dort aus bis zum Marktplatz weiterfahren und eine scharfe Kurve zur Herdbruckerstraße nehmen.

Wer allerdings von der anderen Richtung der Neuen Straße, also vom Haus der Begegnung kommt, hat nicht mal diese Möglichkeit. Denn Linksabbiegen in die Donaustraße ist verboten, damit der Verkehrsfluss nicht gestört wird.

CDU Verkehrsänderung rückgängig machen

Als ob die Verwirrung nicht groß genug wäre, verstärkte die Kommunalpolitik diese zusätzlich. Obwohl die verkehrsberuhigende Maßnahme im Herbst vom Bauausschuss des Gemeinderats einstimmig und zunächst probeweise für sechs Monate beschlossen worden war, machte die CDU-Fraktion am Tag eins eine Kehrtwende. In einem Antrag fordern alle zehn CDU-Stadträte, die Verkehrsberuhigung einstweilen rückgängig zu machen. „Wir bitten um Aussetzung der Maßnahmen und um eine erneute Beratung im Fachbereichsausschuss“, heißt es in dem Schreiben an OB Gunter Czisch (CDU).

Keine Anfahrt an Musikschule möglich

Auf Nachfrage erläuterte CDU-Fraktionschef Thomas Kienle, dass einem das Ausmaß der Neuregelung erst infolge eines Händlergesprächs der CDU in der vergangenen Woche klar geworden sei. „So wie die Regelung jetzt ist, gibt es keine Andienungsmöglichkeit zur Musikschule.“ Das sei untragbar, gerade im Hinblick auf die 2800 Musikschüler, die eben auch mal von ihren Eltern dorthin gebracht oder abgeholt würden.

Verkehrsänderung: Früher Stopp nicht zielführend

Massiver Widerspruch kommt von den Grünen. Seit Jahren leide die Herdbruckerstraße unter Durchgangsverkehr, teilte Fraktionsgeschäftsführer Michael Joukov-Schwelling mit. „Den Versuch einzustellen, bevor er begonnen hat, ist nicht zielführend.“ Ob die Verkehrsführung eine Dauerlösung werden solle, müsse nach Abschluss der Probephase ausgewertet werden.

Bleibt dem Handel die Kundschaft aus?

Im Hinblick auf ebenfalls laut werdende Beschwerden von Händlern der Herdbruckerstraße, die aktuelle Verkehrsführung vergraule die Kundschaft, sagt Joukov-Schwelling: „Der dortige Handel steht natürlich vor einer Herausforderung, und es wird sich zeigen müssen, wie gut es klappt.“ Die Lebensqualität in der Innenstadt hänge jedoch auch maßgeblich davon ab, „dass es uns gelingt, überflüssigen Durchgangsverkehr herauszuhalten – auch wenn das Mut erfordert“.

Händler beklagen Verkehrsführung

Die Händlerschaft der Herdbruckerstraße war am Dienstag „not amused“. Optiker Thomas Oßwald etwa will zwar auch, dass der Durchgangsverkehr minimiert wird – er hatte ursprünglich sogar auf der Unterschriftenliste einer Anwohnerinitiative unterschrieben. Von der Umsetzung ist er aber nicht überzeugt. Sinnvoller wäre eine „intelligentere Ampelführung“ in der Neuen Straße sagt er. „Maßnahmen, bei denen der Kundenverkehr behindert wird, lehne ich ab.“ Heinz Knehr, Geschäftsführer von Uhren Kölle, hält die neue Regelung gar für „katastrophal“. Er habe viel Kundschaft von außerhalb. „Wie soll ich denen die neue Zufahrt beschreiben?“

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Wegeführung Marktplatz und Herdbruckerstraße vom Durchgangsverkehr freizuhalten, ist das Ziel der seit gestern erst mal für sechs Monate geltenden Verkehrsführung. Wer mit dem Auto in die Herdbruckerstraße will, muss über Donaustraße und Schelegasse fahren. Rettungsdienste können die Herdbruckerstraße vom Marktplatz kommend weiter nutzen.  Die Schranke, die bisher zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens die Durchfahrt zur Herdbruckerstraße versperrte, ist künftig geöffnet. Mit der Maßnahme reagiert die Stadt auf Anwohnerbeschwerden. Sie hatten 2017 eine Unterschriftenaktion gestartet.