Harsche Kritik am Vorstand – wenn die in einer Mitarbeiterversammlung vom Personalrat geäußert wird, mag das nicht sonderlich überraschen. Dafür ist das Gremium schließlich da. Wenn sich dieser Kritik aber unisono auch die Pflegedienstleitungen und, mit noch deutlicherer Schärfe, sogar die Ärztlichen Direktoren anschließen, so drängt sich folgendes Fazit auf: Dem Gros der 6000 Mitarbeiter des Uni-Klinikums mangelt es an Vertrauen in den hauptamtlichen Vorstand um den Leitenden Ärztlichen Direktor Udo Kaisers und den Kaufmännischen Direktor Joachim Stumpp. Tenor: Deren wenig kommunikativer und vornehmlich an Bilanzen ausgerichteter Führungsstil trägt maßgeblich zum schlechten Klima im Großkrankenhaus bei – und das geht hin bis zur Personalflucht.

Ins Gespräch kommen

Als „Diskussion über die künftige Strategie der Klinik“ war die vom Vorstand selbst einberufene Versammlung im voll besetzten Hörsaal der Medizinischen Klinik angekündigt gewesen. Es sollte auch ein Zeichen sein, dass man die Sorgen der Mitarbeiter, speziell die Klagen des vielfach überlasteten Pflegepersonals (wir berichteten) ernst nimmt und mit den Menschen ins Gespräch kommen will. Auch Aufsichtsratsmitglieder waren erschienen, allen voran die Vorsitzende Simone Schwanitz als Vertreterin des Wissenschaftsministeriums.

Und die verteilte kräftig Lob. Dank des Engagements der fleißigen Mitarbeiter sei die Klinik aus der maßgeblich durch den Chirurgieneubau verursachten Liquiditätskrise herausgekommen, schreibe seit 2014 wieder schwarze Zahlen, zumindest eine „zittrige Null“. Viele Krankenhäuser stünden schlechter da. „Sie haben die Ärmel hochgekrempelt und durchgehalten. Vielen Dank.“

Vom Durchhalten, sprich dem Konsolidierungskurs, haben die Mitarbeiter aber offenkundig genug. So forderte der stellvertretende Personalratsvorsitzende Bruno Stemmer die Klinikumsleitung dem Vernehmen nach auf, sich endlich um eine „nachhaltige Personalentwicklung“ zu kümmern. Nicht nur die Mitarbeiterrekrutierung in der Pflege sei ein Riesenproblem, sondern auch die Mitarbeiterbindung. Viele, gerade auch jüngere, kündigten aus Frust. Das verbliebene Personal sei überfordert, die Pflege teilweise gefährdet. Am sich überall breit machenden Frust sei auch die „Vogel-friss-oder-stirb-Politik“ des Vorstands Schuld. Alles werde per Dekret verordnet, die Expertise langjähriger Mitarbeiter sei oft nicht gefragt. Stemmer an den Aufsichtsrat gerichtet: „Bitte nehmen Sie das mit. Wir sind kein Profitcenter.“

Versöhnlicher mutete zunächst die Ansage aus den Reihen der Pflegedienstleitungen an: Klar, überall herrsche Pflegemangel. Bis 2030 dürften in Deutschland demnach 400 000 Pflegestellen unbesetzt sein. Doch das entbinde die Klinikleitung nicht von ihrer Verantwortung. „Das Rennen nach immer besseren Geschäftsabschlüssen dominiert zurzeit unser Handeln. Die Patienten müssen wieder im Mittelpunkt stehen“, so eine Pflegedienstleiterin. Wegen fehlender Investitionen ins Personal und Wiederbesetzungssperren identifizierten sich immer weniger Pflegekräfte mit ihrem Beruf. „Das Wir-Gefühl ist uns verloren gegangen.“

Härter ins Gericht mit dem Vorstand ging Prof. Thomas Wiegel. Der Sprecher des Rats der 35 Ärztlichen Direktoren (die Chef-
ärzte der jeweiligen Kliniken) warf Kaisers und Stumpp einen „autokratischen Führungsstil vor, der nicht zu einer akademischen Einrichtung passt“. Die vom Vorstand anberaumten Strategiesitzungen bezeichnete er, wie zu hören war, als „Alibi-Veranstaltungen“, deren Ergebnisse schon vorher feststünden. „Wir verwahren uns gegen eine rein profitorientierte Unternehmensführung.“

Kein Beliebtheitspreis

Während Kaisers allen Vortragenden für deren „engagierte Beiträge“ dankte und auf versöhnliche Worte setzte, verwahrte sich der Kaufmännische Direktor Stumpp gegen die Anschuldigungen. Es gehe nicht um Profit, sondern allein darum, kostendeckend zu arbeiten. Die Budgets seien gedeckelt und anders als ein Unternehmen könne eine Klinik ja nicht die Preise erhöhen. Weil aber die Ausgaben am Ulmer Klinikum jährlich um fünf Millionen Euro stiegen, müssten eben Jahr für Jahr fünf Millionen eingespart werden: durch Umstrukturierungen, Effizienzsteigerung oder eben auch temporäre Wiederbesetzungssperren, die immer noch besser seien als dauerhafte Stellenkürzungen. „Dass man damit keinen Beliebtheitspreis gewinnt, ist klar.“ Ziel müsse eine Strukturreform sein, zu der auch die räumliche Konzentration aller Kliniken auf dem Oberen Eselsberg und der Zugriff auf profitable aber bisher fehlende Disziplinen wie die Neurologie gehöre.