Burgen Verliebt in alte Mauern: Ulmer Burgenforscher Konrad Albert Koch

Ulm / Kathrin Löffler 10.01.2017

Der Südwesten, Land der Burgen, von wegen. Viele waren nicht von Dauer. Das lag nicht immer an zerstörungswütigen Feindestruppen. Schuld waren häufig die bequemlichen Adelsgeschlechter selbst, die ihre Trutzbauten verfallen ließen. Aus Burgen wurden Resterampen: Bauern aus dem Umland durften die Steine für eigene Bau- und Reparaturprojekte abtragen. Konrad Albert Koch blutete später das Herz: „Ruinenfrevler haben allerorts mehr zerstört als alle Kriegsstürme zusammen“, schrieb er um 1910 herum. Was an Ruinen im Südwesten blieb, erforschte Koch – und zwar von seinem Wohnort Ulm aus. Das dokumentiert nun ein Buch.

Koch wurde 1869 geboren. Mitten hinein in die Nachwehen romantischer Mittelalterschwärmerei. Burgen regten wieder kollektives Interesse. Oft bezog sich dieses Interesse aber auf materielle Leerstellen. Wie in Kochs Geburtsort, Schörzingen. Vom Kinderzimmer sah er auf die Alb. Was er nicht sah, war eine Burg: Jene auf dem mächtigen Oberhohenberg, direkt gegenüber, hatten Rottweiler Soldaten 1449 abgefackelt. Kochs Vater erzählte aber ständig Geschichten davon. Und infizierte den Sohn mit einer ausgeprägten Vergangenheitsbegeisterung. Der bekam dieses Virus sein Leben lang nicht los.

Er beschönigte ein bisschen

Koch ließ sich zum Dekorationsmaler ausbilden und besuchte die Stuttgarter Kunstgewerbeschule. Als Erwachsener kehrte er zum Faszinosum seiner Kindheit zurück. Er stieg auf über 1000 Meter und suchte die Alb nach Fundamentresten ab. Mäßig erfolgreich. Also spannte er die Schörzinger Ortsgruppe des Schwä-
bischen Albvereins ein, er selbst hatte sie mitgegründet. 15 Mann ließ er am Oberhohenberg graben. Sogar durch hartgefrorenen Februarboden, Koch kannte da nichts. Gemeinsam legten sie unterirdische Turm- und Mauerrudimente frei.

Der Chef vermaß alles, rekonstruierte den Grundriss und übersetzte den abstrakten Plan in ein Gemälde:  Es zeigt die Burg Oberhohenberg, wie sie in guten Zeiten einmal ausgesehen und vorbildlich auf dem Gipfel gethront haben muss. Und aus dem Restaurator Konrad Albert Koch war der Burgenforscher Konrad Albert Koch geworden.

Peter Wagner hat das aufgeschrieben. Der Autor war jahrelang Technischer Leiter der Stadtwerke Rottenburg und mit Expertisen über Trinkwasser beschäftigt. Mit dem Ruhestand lebte er sein Faible für Heimatgeschichte aus. 2012 recherchierte Wagner über die ehemalige Grafschaft Hohenberg. Immer wieder fielen ihm Burgenbilder in die Hände. Immer wieder stand der Name „Koch“ darunter – Grund genug, sich dem einmal ausführlicher zu widmen. Unterstützung kam vom Schwäbischen Albverein: Der Verband wollte die Biografie eines seiner Gründerväter unbedingt aufbereitet wissen.

Koch kämpfte sich um die Jahrhundertwende von der Ostalb bis ins Hegau zu dem, was das Erdreich unter den Wucherungen der Natur gesichert hatte, er buddelte, skizzierte, malte über 100 Burgen. Unter anderem in Diensten des Denkmalamts des Königreichs Württemberg. Zu seiner Zeit war er eine Koryphäe. Aus heutiger Sicht jedoch eine bisweilen überpassionierte: Ein wenig zu pompös fielen Kochs gemalte Wehrbauten aus, hatten hier ein Erkerlein mehr und da ein Türmchen zu viel im Vergleich zur schmucklosen Mittelalterrealität.

Koch heiratete die Tochter eines hiesigen Professors, zog 1904 mit ihr nach Ulm, 1910 nach Söflingen. Auch die Schlossruine Justingen, unweit von Blaubeuren, sah er laut Tagebuch zum „Schutthaufen“ verkommen – und hielt sie im Bild fest. Noch strahlkräftiger Vergangenes lag vor seiner neuen Haustür: Über Söflingens Kloster trug Koch zusammen, was er in die Finger bekommen konnte. Seine künstlerische Version der Anlage hängt heute noch unter dem erhaltenen Tor.

Mit den Jahren nahmen die Berufsaufträge ab. Kochs Frau starb. Seine Alterssicherung war die Einkehr im Gasthaus „Bock“, wo eine Seele von Wirtin Sattmacher gegen Wanddeko tauschte. Das eigene Haus wurde zu teuer, er lebte zur Miete, im Krieg beschädigten Luftangriffe die Wohnung. Koch kränkelte. Er kam in der Grimmelfinger Fürsorgeanstalt Oberer Riedhof unter. Dort starb er am 22. April 1945. Sein Erinnerungsort gleicht jenen, die ihn lebenslang zur Suche trieben nach etwas Überdauerndem: Der Riedhof-Friedhof ist heute verwildert. Gräber, schreibt Wagner, „erkennt man nur noch durch Bodenvertiefungen wegen der im Laufe der Jahre zusammengebrochenen Särge“.

Biografie und Wanderführer

Leser sollen es Peter Wagner nach tun und zu den von Koch erforschten Burgen wandern. Der Herausgeber wolle sie „dorthin locken“, sagt der Autor. Peter Wagner: Der Burgenforscher Konrad Albert Koch. Verlag des Schwäbischen Albvereins, 296 Seiten, 23 Euro. kal

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