In Deutschland gibt es schätzungsweise mehr als 100 000 Kinder, die Opfer sexuellen Missbrauchs sind und keine Hilfe bekommen. Drohungen wie "Wenn du etwas sagst, bring ich deine Mami um" oder "Die Mami glaubt dir eh nicht", sind im Zusammenhang mit Missbrauchsdelikten keine Seltenheit. Oft entsteht jedoch durch Aussagen wie "Dir hat es doch auch gefallen, soll ich das der Mami erzählen?", beim Opfer das Gefühl, in das Geschehen bereits verwoben und mitschuldig zu sein. "Hinschauen und hinhören", lautete daher der Appell der bayerischen Justizministerin Beate Merk, die über das Thema bei der Frauenunion des Neu-Ulmer CSU-Kreisverbandes sprach.

"Niemand darf von dir etwas verlangen, was du nicht möchtest" und "Geheimnisse, die Angst machen, darf es nicht geben" - dies sollten Eltern ihren Kindern bewusst machen. Auch sollte die Aufklärung über Sexualität so früh wie möglich erfolgen, wobei die Körperteile mit klaren Namen - keinesfalls mit Kosenamen - versehen werden sollten.

Während bei Vermögensdelikten drakonische Strafen verhängt werden, seien die Strafen bei sexuellem Missbrauch häufig zu gering. "Da muss sich im Gesetzbuch noch einiges ändern", sagte Merk. Ein entscheidender Aspekt sei auch die Verjährung. Denn viele Opfer seien auch mit 18 Jahren noch nicht in der Lage, sich über das ihnen zugefügte Leid zu äußern. Die Kraft, darüber zu sprechen, könnten sie, wenn überhaupt, oftmals erst nach Jahrzehnten aufbringen. "Daher sollte die Verjährung wenigstens auf 30 Jahre angehoben oder abgeschafft werden", sagte Merk.

Dem ehemaligen Notarzt Dr. Hans-Walter Roth zufolge gibt es sogar Suizidfälle, die erst 25 Jahre nach einer Vergewaltigung unternommen worden sind - nämlich dann, wenn das Opfer zum ersten Mal eine Partnerschaft einzugehen versuchte. Insofern sei die Verjährung auch aus medizinischer Sicht abzulehnen.

Eine Präventionsstelle, die unter dem Motto "Kein Täter werden" steht und bisher nur in Berlin ansässig war, ist nun auch in Bayern ins Leben gerufen worden. Diese Anlaufstelle gibt Männern, die sich zu Kindern und Jugendlichen sexuell hingezogen fühlen, die Möglichkeit der Therapie.