Grillen? Warum Grillen? Das hat zwei Gründe, sagt Dr. Sandra Steiger. Die Biologin vom Institut für Experimentelle Ökologie an der Universität Ulm lacht. Grillen sind vollkommen unkomplizierte Tierchen, "sie brauchen nur zwei Dinge: Futter und Paarungspartner". Das heißt: Sie fressen und sie kopulieren. Und sie kopulieren und fressen. Und wenn die Insektenmännchen anderes machen - nämlich: singen -, dann nur, um später kopulieren zu können. Mit dem Gesang locken sie Weibchen an.

Die aber sind wählerisch, was die Partnerwahl angeht. Es ist wie im richtigen Leben. Das Motto der Grillenweibchen fasst Dr. Steiger folgendermaßen zusammen: Mit dem hab' ich schon, mit dem brauch' ich nicht mehr. Vorausgegangene Studien haben nämlich gezeigt, dass Grillenweibchen zum One-Night-Stand tendieren - wobei der Begriff leicht in die Irre führen kann. Grillenweibchen paaren sich zwar in einer Nacht öfter, aber nie mit dem Partner, mit dem sie bereits in den vergangenen Stunden kopuliert haben. Übrigens: Das Männchen ist dabei unten, das Weibchen oben. Der Akt selber dauert zwei, drei oder fünf Minuten, manchmal auch länger.

Woran das Weibchen erkennt, dass es mit dem Partner schon aktiv war? "Der Körper der Insekten ist mit einer Lipidschicht, einer Art Verdunstungsschutz, umgeben. Rubbeln jetzt die Körper aneinander, übertragen die Weibchen ihren eigenen Geruch auf das Männchen", erklärt Steiger. Der Geruch bleibt haften - zumindest eine Nacht lang. Denn in dieser Nacht werden sich die Grillen öfter begegnen, zu einem zweiten Fortpflanzungsakt zwischen demselben Weibchen und demselben Männchen wird es aber in dieser Nacht nicht kommen. Das Grillenweibchen erkennt ihren eigenen Geruch am Männchen und meidet es. "Das wird als chemische Kommunikation bezeichnet. Was bei uns die Nase, ist bei den Insekten die Antenne."

An dieser Stelle kommt Alexandra Capodeanu-Nägler ins Spiel. Sie wollte mehr wissen. Lernen sie ihren Eigengeruch? Erlernen sie ihren Eigengeruch von der Verwandtschaft? Ist der Eigengeruch genetisch bedingt? Oder können sie sich selber riechen? Vier Möglichkeiten, aber nur die letzte trifft zu. Das hat die 26-jährige Biologin bei Paarungsversuchen nachgewiesen. Was es dazu braucht? 28 Grad, ein abgedunkeltes Labor und viel, sehr viel Geduld. Denn oft wollten die Tierchen nicht so, wie Capodeanu-Nägler wollte. Es dauerte und dauerte: "Das Weibchen hüpft drauf, dann wieder runter. Und du denkst: Jetzt entscheide dich doch mal."

Okay, sie hat es den Grillen auch nicht ganz einfach gemacht. Die Biologin manipulierte dazu den Eigengeruch des Weibchens. Zwei paarungsbereite Kandidaten saßen in der Box, mit dem einen hatte sich das Weibchen in der Nacht zuvor gepaart. Mit dem anderen Kandidaten hatte sie noch nicht kopuliert, aber mit dessen Eigengeruch war sie manipuliert worden. Das Ergebnis: Das Weibchen paarte sich mit dem Männchen, mit dem es in der Nacht zuvor aktiv war. Das andere Männchen, das ihren Eigengeruch trug, ließ sie links liegen. Sprich: Das Weibchen verlässt sich bei der Partnerwahl auf ihren eigenen aktuellen Geruch, es kann sich selber riechen, es nimmt sich selber wahr. In der Biologie ist dann von "chemosensorischem Selbsreferenzmechanismus" die Rede. Solche Versuche mögen sich seltsam anhören, räumt Dr. Steiger ein, "aber wir wollen einfach verstehen, warum sich Tiere verhalten, wie sie sich verhalten". Und: Verhaltensversuche sind nun einmal spannend - auch wenn es um kopulierende Grillen geht.

Zu den Personen

Alexandra Capodeanu-Nägler Die 26-Jährige, die aus Hermannstadt (Rumänien) stammt, hatte Medizin studieren wollen, sie schrieb sich dann aber für Biologie ein - eine Wahl, die sie nicht bereut hat. Sie machte 2011 den Bachelor, der Master über das Verhalten der Grillen folgte 2014. Ihre Forschungsarbeit wurde vor Kurzem im renommierten Journal "Current Biology" veröffentlicht. Sie promoviert an der Uni Ulm.

Dr. Sandra Steiger Die 38-Jährige, die in Freiburg und Leeds studiert hat, lehrt und forscht seit 2012 an der Uni Ulm. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über Totengräber, die aasfressenden Käfer. Über ein Alexander-von-Humboldt-Stipendium kam sie 2009 an die llinois State University (USA), 2011 kehrte sie nach Deutschland zurück: an die Uni Regensburg. Dr. Steiger wird dieses Jahr noch habilitieren.