Gold Vergoldermeisterin Marion Röhrich wendet alte Technik an neuen Formen an

Marion Röhrich teilt auf einem Vergolderkissen Blattgold in Stücke. Mit dem Pinsel "schießt" sie diese an die Holzspatzkanten.
Marion Röhrich teilt auf einem Vergolderkissen Blattgold in Stücke. Mit dem Pinsel "schießt" sie diese an die Holzspatzkanten. © Foto: Matthias Kessler 
Ulm / CAROLIN STÜWE 02.01.2016
Blattgold haben schon die alten Ägypter verarbeitet. Die über Jahrhunderte entstandene Technik gilt heute noch beim Vergolden von Bilderrahmen oder Wohnaccessoires. Marion Röhrich ist Vergoldermeisterin.

Ein Stück Treibholz, eine gebrauchte und geweißelte Baustellenbohle, ein Stück Metall vom Wertstoffhof mit einem Riss in der Mitte: "Jede Kante, die mich anspringt, muss ich vergolden." Marion Röhrich aus dem Gemeinschaftsatelier "Bei Eckart" in der Bleichstraße ist eine leidenschaftliche Vergolderin. Und das seit 43 Jahren. Ihre Kunstobjekte der Weihnachtsausstellung wie vergoldete Tannenbäumchen und Sterne hat sie schon wieder in Kartons verpackt. Umso mehr kommen in der Werkstatt die zeitlosen Stücke zur Geltung: ein restaurierter Bilderrahmen, ein vergoldetes Holzei, das aus einem schwarzen dicken Filzmantel herausblitzt oder "Goldi", ihr Lieblings-Kunstobjekt. Es ist ein vergoldeter Metallfisch, der auf einem Spiegel in einem zylinderförmigen Gefäß zu schwimmen scheint. Dieses ist bis an den Rand mit Wasser gefüllt, damit der 24-karätige Goldfisch entsprechend wirkt. Hier ist alles Gold, was glänzt.

Marion Röhrich ist an Silvester 59 Jahre alt geworden, ihre drei Kinder sind erwachsen. Wenn der Trubel rum ist mit Festen, Familie und Verpflichtungen, findet die Handwerksmeisterin - "ich bin keine Künstlerin" - wieder Ruhe in ihrer kleinen Werkstatt. Denn in dem Gesamtatelier "Bei Eckart" sind selten alle Nutzer wie eine Raumbildnerin, ein Architekt und eine Kunsttherapeutin gleichzeitig anwesend.

Ruhe ist wichtig beim Vergolden, keiner darf niesen oder Zugluft verursachen. Denn das Blatt "Blattgold" ist bloß einen achttausendstel Millimeter dünn und in der Regel acht auf acht Zentimeter groß. Marion Röhrich holt das Blatt mit einem Vergoldermesser, das mit seiner breiten abgerundeten Klinge aussieht wie ein Brotzeitmesser, aus einem kleinen Seidenblattheft und legt das sofort knitternde Edelmetall auf ein Vergolderkissen. Darauf "schneidet" sie das Blattgold in passende Stücke.

Diese hauchdünnen Teile nimmt sie einzeln mit einem breiten flachen und leicht fettigen Pinsel auf und bringt sie auf das mit Wasser und Alkohol benetzte Holzobjekt. Aber blitzschnell, damit nichts abbricht oder zerbröselt, deshalb sagt der Fachmann "anschießen" dazu.

Der Pinsel muss seidenweich sein, daher stammen die Haare aus dem buschigen Schwanz eines Eichhörnchens. "Würde man das Blattgold mit dem Finger anfassen, würde es in ein Nichts zerfallen", erklärt die Vergoldermeisterin. Und: Blattgold werde heute noch - aufgrund des günstigen Klimas - in der Nürnberger Gegend in Goldschläger-Fabriken hergestellt.

Das Hochpreisige am Vergolden sei jedoch nicht unbedingt das Gold, das sie stets nach dem aktuellen Tagespreis bezahlen muss. Sondern der handgroße, nur an den Kanten vergoldeter Holzspatz kostet durchaus seine 260 Euro, weil die Grundierung sehr aufwendig und langwierig und weil alles reine Handarbeit ist. In 28 Arbeitsschritten muss beispielsweise ein Holzrahmen zunächst grundiert werden mit Leim, mit "Stein", mehrmals mit Kreide und schließlich fünfmal mit dem "Poliment". Dies ist eine Mischung aus französischer Tonerde sowie Leim oder Eiweiß.

Zwischen diesen Arbeitsschritten müssen die Schichten immer wieder trocknen und werden mehrmals mit feinem Sandpapier oder dem Halbedelstein Achat geschliffen. Ganz zuletzt wird das aufgeschossene Blattgold poliert.

Erlernt hat die gebürtige Augsburgerin dieses Handwerk von 1972 bis 1975 in München, "weil schon meine Mutter Vergolderin war und ich aus der Schule rauswollte". Nach ihrer Meisterprüfung vier Jahre später erhielt sie gleich Restaurierungaufträge in Wien (Wandschnitzereien in einem Schloss) und in den Niederlanden (Ornamente der Orgel zu Waardenburg). Später war sie insgesamt zwei Jahre engagiert, um die vergoldeten Saaldecken im berühmten "Goldenen Saal" im Augsburger Rathaus zu restaurieren. 1989 brachte sie in Augsburg die Turmspitzen zweier Kirchen wieder zum Glänzen - in knapp 100 Metern Höhe.

Nach der Scheidung von ihrem Mann und einem Arbeitsunfall war schließlich 2003 der Wechsel an die Handwerks-Akademie in Ulm ihre einzige Chance als alleinerziehende Mutter. Sie wurde staatlich geprüfte Gestalterin im Handwerk. Beispiel: Kürzlich hat sie einen hohen Spiegelrahmen vergoldet und stellenweise versilbert. Bei so was ist dann doch nicht alles Gold, was glänzt.

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