Wiblingen Vergast in Grafeneck

Von ihrer Zeit am Oberen Riedhof gibt es keine Berichte, allerdings ist Maria Hauser möglicherweise auf diesem Foto von Bewohnern, die im Winter Schnee schippen, abgebildet - und zwar in der Mitte.
Von ihrer Zeit am Oberen Riedhof gibt es keine Berichte, allerdings ist Maria Hauser möglicherweise auf diesem Foto von Bewohnern, die im Winter Schnee schippen, abgebildet - und zwar in der Mitte. © Foto: Archiv
Wiblingen / RUDI KÜBLER 24.11.2015
"Wohin bringt ihr uns?" So lautet der Titel der Gedenkveranstaltung für 58 behinderte Menschen, die 1940 vom Oberen Riedhof nach Grafeneck bei Münsingen transportiert und dort vergast wurden.

Bertha Rabausch, Maria Hauser und Angelika Bauer. Drei Frauen. Ein Schicksal. Sie wurden in Grafeneck bei Münsingen vergast - und mit ihnen weitere 55 Frauen und Männer aus dem Oberen Riedhof, einer Einrichtung auf dem heutigen Ratiopharm-Gelände im Donautal. Dort lebten 1939 rund 120 geistig behinderte Menschen. Dass diese Zahl bekannt ist, liegt an den Meldebögen, die den Pflegeheimen und Heilanstalten Ende 1939 zugestellt worden waren - in Vorbereitung des T4-Mordprogramms, das die Nationalsozialisten von Januar 1940 durchziehen sollten. Der "Aktion T 4" - benannt nach der in der Berliner Tiergartenstraße 4 untergebrachten Zentrale - fielen bis zum Sommer 1941 über 70.000 geistig behinderte Menschen und psychisch Kranke zum Opfer.

"Die Krankenmorde waren der Probelauf für den späteren Holocaust", sagt Dr. Nicola Wenge. Die Leiterin des Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg weist aber darauf hin, dass auch die "Aktion Gnadentod", wie die NS-Ideologen die Ermordung behinderter Menschen euphemistisch bezeichneten, eine Vorgeschichte hat: in den "Gesetzen zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", die die Nationalsozialisten schon im Sommer 1933 erlassen hatten. In deren Folge wurden ab dem Jahr 1934 hunderttausende behinderter Menschen zwangssterilisiert - so auch 30 Bewohner des Oberen Riedhofs, wie Walter Wuttke in seinem Buch "O, diese Menschen. Das Leben in der Ulmer Anstalt ,Oberer Riedhof' im Nationalsozialismus" schreibt. Das eigentlich Erschütternde aber sei gewesen, so Wenge weiter, "dass diese ersten Maßnahmen der NS-Eugenik öffentliche Zustimmung bei Ärzten und in der Bevölkerung fanden". Und: Das städtische Krankenhaus, das Gesundheitsamt und auch die Anstalten selber waren willfährige Helfer.

Ging es zu diesem Zeitpunkt noch um Rassenhygiene, wurde mit Kriegsbeginn auf Anordnung Hitlers begonnen, "unwertes Leben und unnütze Esser auszumerzen". Finanzen zu entlasten, Nahrungsmittel zu sparen, Ärzte und Pfleger für den Kriegsbedarf freizusetzen, war das Ziel. Von da an fuhren die grauen Busse, um die Bewohner der Heime und Anstalten abzuholen. Zwei Mal stoppte der Bus im Donautal: Der erste Transport ging am 23. August 1940 Richtung Grafeneck, Bertha Rabausch und Maria Hauser mussten mit weiteren 38 Bewohnern einsteigen. Sie sollten den Tag nicht überleben, in einer Gaskammer auf dem Gelände des Schlosses wurden sie mit Kohlenmonoxid vergast. Wie 10.600 Männer, Frauen und Kinder jeden Alters, die in Grafeneck starben.

Bertha Rabausch litt wahrscheinlich seit der Geburt an einer psychischen Behinderung, sagt Mark Tritsch, der mit einem Team der Ulmer Stolperstein-Initiative die Biografien recherchiert hat. 1929 kam die damals 54-Jährige im Riedhof unter. Wo auch Maria Hauser bis zu jenem 23. August 1940 lebte. Sie kam in Grimmelfingen zur Welt, ihr Vater Leonhard hatte einen der größten Höfe. Maria hatte eine zwergenhafte Statur und war geistig behindert. 34-jährig wurde sie zunächst in die Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall eingewiesen, später in den Oberen Riedhof verlegt.

Die Aktenlage ist insgesamt spärlich; eine Ausnahme bildet Angelika Bauer, "zu ihr haben wir umfangreiche Patientenakten", sagt Tritsch. Sie wurde 1869 in Sonderbuch geboren, war körperlich gesund, konnte aber nur wenige, schlecht artikulierte Worte sagen. Im Alter von 53 Jahren wurde sie im Riedhof aufgenommen. Dort wurde sie als fleißige Arbeiterin beschrieben; selbst im Juni 1940 berichtete der Arzt, dass sie "einen rüstigen Eindruck" machte. Am 19. November 1940 wurde sie nach Grafeneck gebracht und vergast. Angelika Bauer wurde 71, Maria Hauser 72 und Bertha Rabausch 66 Jahre alt.

Trotz des Grafeneck-Prozesses wurden die Euthanasie-Verbrechen nach dem Krieg tabuisiert. "Die Tabuisierung wirkt bis heute nach", sagt Nicola Wenge. Die Zwangssterilisierten und Euthansie-Geschädigten werden bis dato nicht als Verfolgte des NS-Regimes anerkannt.

"Wo bringt ihr uns hin?"

Gedenken Das Behindertenheim Tannenhof Ulm erinnert gemeinsam mit der Wiblinger Zachäus-Kirchengemeinde an die Ermordung von 58 Bewohnern des Oberen Riedhofs. Sie wurden im August und im November vor 75 Jahren nach Grafeneck transportiert und dort vergast. Die Gedenkveranstaltung findet am Donnerstag, 26. November, von 19 Uhr an im Gemeindezentrum Zachäus, Buchauer Straße 14 statt. Mitwirkende sind Schüler des Albert-Einstein-Gymnasiums Wiblingen, Dr. Walter Wuttke und Erika Tanner, die Initiative Stolpersteine Ulm, die Ulmer vh, die Behindertenstiftung Tannenhof und das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg. Dessen Leiterin Dr. Nicola Wenge wird in einem Vortrag die NS-Krankenmorde in den historischen Zusammenhang stellen.

 

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