Am Geschehen an sich gab es nichts zu rütteln: Vor eineinhalb Jahren ist ein BMW-Fahrer mit mehr als 100 Stundenkilometern durch die Olgastraße gerast.

Trotz einer Vollbremsung fuhr er auf Höhe des Salzstadels einen querenden Radler an und verletzte ihn dadurch schwerst. An diesen Tatsachen änderten widersprüchliche Zeugenaussagen an den beiden Verhandlungstagen im Amtsgericht Ulm nichts. Und dabei spielte es auch keine Rolle, ob letztlich ein illegales Straßenrennen stattgefunden hatte oder nicht.

„Er hat mit seinem Verhalten fast ein Leben ausgelöscht und es nachhaltig verändert“, sagte der Oberstaatsanwalt in seinem Plädoyer. Und die Richterin befand: „Das war ein Verstoß aus purer Angeberei.“ Ihr Urteil: eine Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Monaten wegen fahrlässiger Körperverletzung und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. „Sie haben sich grob verkehrswidrig und rücksichtslos verhalten,“ hielt die Richterin dem Angeklagten vor. Eine Geldstrafe sei deshalb fehl am Platz.

Sie denke aber, dass der 22-Jährige inzwischen zur Einsicht gekommen sei. „Ich habe Sie beobachtet und ich habe gesehen, dass es für Sie wirklich schwer war, hier zu sitzen.“ Während der Verhandlung saß der junge Mann zusammengesunken auf der Anklagebank, die Hände ineinander gefaltet, den Blick nach unten gesenkt. Der in Leipheim wohnende Maschinenführer entschuldigte sich am Mittwoch nochmals bei dem Radfahrer: „Ich habe gebetet, dass es ihm wieder gut geht.“

„Verstoß aus purer Angeberei“

Der 47-jährige Radfahrer, der auch als Nebenkläger auftrat, war bei der Kollision mit dem BMW so schwer verletzt worden, dass er drei Monate lang stationär im Krankenhaus behandelt werden musste und mehr als ein Jahr lang arbeitsunfähig war. Wie der im Fall berufene Sachverständige vor Gericht darstellte, ist der Mann wohl nur knapp mit dem Leben davon gekommen. Fast 14 Meter weit wurde der Radler durch die Luft geschleudert, bevor er mit dem Kopf zuerst auf den Straßenbahnschienen aufkam. Sein Fahrrad hingegen flog mehr als doppelt so weit. Das spreche dafür, dass er nur teilweise auf dem Auto aufgekommen sein. „Wäre er mittig gewesen, wäre es ein tödlicher Unfall gewesen.“ Die 53 Meter lange Bremsspur war noch tagelang zu sehen.

Dass der 22-Jährige das Geschehen eingestanden und sich entschuldigt hat, nicht alkoholisiert war und keine relevanten Vorstrafen hat, rechnete ihm das Gericht zu seinen Gunsten an. Negativ hingegen sein Verhalten nur wenige Monate nach der Tat, als er den 285 PS starken BMW aus der Werkstatt abholte, ohne Licht nach Hause fuhr – und dadurch einen weiteren Unfall mit einem Renault verursachte, wobei die Beifahrerin leicht verletzt wurde. Das Landgericht Memmingen verurteilte ihn deshalb zu einer Geldstrafe von 7000 Euro (140 Tagessätze à 50 Euro), außerdem wurde ihm die Fahrerlaubnis entzogen. Die Strafe floss jetzt in das Gesamturteil ein.

Dass vor dem Unfall am 1. August 2015 ein Rennen stattgefunden hat, konnte vor Gericht nicht nachgewiesen werden. Was letztlich strafrechtlich aber auch keine Rolle gespielt hätte. Ein Zeuge, der an dem Abend an der Haltestelle am Theater auf die Straßenbahn gewartet hatte, sagte am Mittwoch, er habe zwei BMW gesehen, deren Fahrer „richtig Gas gegeben“ hätten. Man habe gemerkt, dass es um ein Rennen gehe: „Wenn ein normales Auto anfährt, ist es nicht innerhalb von ein paar Sekunden auf einer Geschwindigkeit, dass man den Kopf schütteln möchte.“ Diesem Eindruck widersprach der Verteidiger des Angeklagten im Plädoyer: Es könne nicht sein, dass zwei Autos in engem Abstand die Olgastraße hochgejagt seien – denn dann wäre der Hintermann bei der Vollbremsung des 22-Jährigen entweder auf dessen BMW aufgefahren, oder es hätte  Brems­spuren des zweiten Autos geben müssen. Die es aber nicht gab.

Neben der Bewährungsstrafe muss der 22-Jährige 6000 Euro anteiliges Schmerzensgeld an den Radfahrer zahlen, außerdem 1000 Euro an die Staatskasse. Eine Fahrerlaubnis darf der Mann erst Ende des Jahres wieder beantragen. Die Staatsanwaltschaft hatte eine Bewährungsstrafe von sechs Monaten sowie eine Geldstrafe von 6000 Euro gefordert, der Vertreter des Nebenklägers ein Jahr und sechs Monate sowie eine finanzielle Wiedergutmachung für seinen Mandanten. Der Verteidiger des Unfallfahrers hatte eine Gesamtgeldstrafe von 200 Tagessätzen à 50 Euro beantragt.

Immer wieder Verletzte durch Autorennen


Unfälle Es war nicht das erste Mal, dass ein Raser einen Unfall in der Innenstadt verursacht hat: Immer wieder ist es in den vergangenen Jahren auf dem Altstadtring aufgrund von überhöhter Geschwindigkeit zu Vorfällen mit Verletzten gekommen.

März 2011 Drei junge Autofahrer lieferten sich in der Friedrich-Ebert-Straße ein Autorennen. Eingangs Olgastraße kriegte ein 19-Jähriger die Kurve nicht, überfuhr die Tramtrasse und prallte frontal in das Auto einer 30-Jährigen. Beide wurden schwer verletzt

Mai 2014 Auch bei diesem Unfall raste ein Fahranfänger samstagabends bei einem Autorennen auf der Friedrich-Ebert-Straße in der Rechtskurve vor dem Telekom-Gebäude in ein unbeteiligtes Auto des Gegenverkehrs. Der Golffahrer wurde verletzt.

Oktober 2014 Dieser Unfall wieder in derselben Kurve während eines Rennens ging glimpflicher ab: Der 18-jährige Fahrer eines Mercedes prallte gegen den Randstein und ruinierte beide Achsen. Die Insassen blieben unverletzt. Die Polizei suchte Zeugen.