"Die Idee hat mir immer gefallen." Getraut habe sie sich des Ehefriedens wegen nicht: "Mein Mann wollte das nicht." Zumindest nicht offiziell, denn vor 25 Jahren hat sie sich eine kleine Rose heimlich unter die Haut jagen lassen. Wie sie das die ganzen Jahre vor ihrem Gatten verheimlichen konnte, bleibt ihr Geheimnis.

Zum 75. Geburtstag surrte die Tattoo-Nadel dann offiziell auf Gerdas rechtem Unterarm, als Geschenk ihrer Kinder. "Unsere Geburtstagsüberraschung für sie", sagt Tochter Alexandra. Eine gelungene offenbar, denn ein Jahr später wurde Gerda Diener erneut im Tattoo-Studio vorstellig. Diesmal hatte Tätowierer Dieter Hailing den Auftrag, die Namen ihrer Sprösslinge auf dem linken Unterarm der Kundin zu verewigen.

Weil Kinder bisweilen Kinder produzieren, war sie diese Woche wieder da, um sich die Namen ihrer fünf Enkel in Herzform in den Oberarm stechen zu lassen. Wobei sie sich kurzfristig überlegt hatte, den Termin abzusagen, da ihr Mann kürzlich einen Schlaganfall hatte und sich im Krankenhaus davon erholt. In der Erkenntnis, "dass es ihm weder nutzt noch schadet, wenn ich mich tätowieren lasse", hat sie sich letztlich doch dafür entschieden.

Was die lebensbejahende Einstellung der ehemaligen Außendienstlerin im Zeitungsgroßhandel deutlich macht, die kein Blatt vor den Mund nimmt, vor allem, wenn sie auf missgelaunte Zeitgenossen trifft: "Ich schwätz' alle Leute an und sage ihnen, dass sie ein bisschen mehr lachen sollten." Bis auf wenige Ausnahmen bekommt sie auch angesichts ihrer Tattoo-Lust zumeist positive Kommentare, was an ihrer Grundhaltung liegt, wie Tochter Alexandra vermutet: "Sie ist fetzig, immer gut gelaunt und keine motzende, blubbernde Oma."

Eine Einstellung, die sich auch anderweitig optisch manifestiert - sei es durch das Piercing am Ohrläppchen oder das unbewusste, aber trendige "Branding" am Bein. "Ich bin zu meinen Glanzzeiten hinten auf dem Motorrad gehockt und hab' mir den Fuß am Auspuff verbrannt." Dieter Hailing vermutet: "Wir sehen uns in 23 Jahren zum 100. Geburtstag wieder." Da dürfte er sich verschätzt haben. "Wenn ich es noch erlebe", sagt Gerda Diener, "kommt nächstes Jahr mein Urenkel auf den Arm".