Das Bruttonationalglück der kulturellen Doppelstadt Ulm und Neu-Ulm ist mit der „Literaturwoche Donau“ zweifellos gestiegen. In der fünften Auflage hat sie sich zum veritablen Festival ausgewachsen, Abend für Abend stellen Florian L. Arnold und Rasmus Schoell  Bücher, Autoren, Verlage vor – wie in der Stadtbibliothek die Österreicherin Anna Weidenholzer, deren Roman „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ vergangenes Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Aber Moment mal: Was heißt hier Bruttonationalglück?

Darum und nicht etwa um das Bruttosozialprodukt sorgte sich tatsächlich in den 1970er Jahren der König von Bhutan und schickte die Beamten aus, um im Volk die Glücksgefühle zu erkunden. Aber jetzt vom Himalaya-Staat in einen österreichischen Wintersportort ohne Schnee: Dort quartiert sich der pensionierte Lehrer Karl im verlassenen Hotel Post ein, um die Menschen nach ihrer Lebenszufriedenheit zu befragen: nach jenem amtlichen Fragebogen aus Bhutan. Was natürlich die Hauptpointe ist in dem Roman (Verlag Matthes & Seitz) der 33-jährigen Anna Weidenholzer: Ihr Karl ist der unglücklichste Mensch, der sich denken lässt. Er führt das ganze Buch lang Selbstgespräche mit seiner Frau Margit, von der man nicht weiß, ob sie Karl verlassen hat, ob sie tot ist oder sie es überhaupt gibt oder gegeben hat. Ein skurriler, eigenwilliger, sprachfeiner, sehr österreichischer Provinzroman mit einem hohen Kafka-Anteil. Denn der angstvolle Glücksforscher Karl könnte ein in der Surrealität sich verlierender Landvermesser des Glücks sein.

Karl ist naturgemäß auch ein Getriebener. „Wir dürfen nicht aufhören, Fragen zu stellen“, heißt es einmal. Der Abend in der Stadtbibliothek wiederum war nach einer Stunde schon vorbei, weil Rasmus Schoell mit Anna Weidenholzer leider nicht annähernd die vielen hundert Fragen aus Bhutan abarbeitete und die sympathische Autorin nicht viel sagen wollte. Nur: dass sie nicht schreiben könne ohne Musik aus dem Kopfhörer und dass ihr Roman „ein Stück weit ein Anti­glücksbuch“ sei. Naturgemäß.

Wenig glücklich sind auch die meisten Protagonisten in Thomas Meyers „Rechnung über meine Dukaten“ (Diogenes). Der Schweizer entführt seine Leser ins Preußen des 18. Jahrhundert. Dort begegnet man dem exzentrischen Friedrich Wilhelm I., der ein Faible für lange Kerls hat und Riesen für seine Leibgarde sammelt. Dieser König, Vater von Friedrich dem Großen, war „eine Drecksau der Spitzenklasse“, sagt Meyer, aber: „Wo käme ich denn hin, wenn ich mir als Personal nur nette Figuren aussuchen würde?“

Der König ist grätig, weil die Riesen-Suche aufwendig und teuer ist – warum also nicht Riesen züchten? So kommen der junge Bauer Gerlach und die Bäckers­tochter Betje ins Spiel, eine Liebesgeschichte, immerhin.

Dem Zürcher Meyer, der 2012 mit seinem ersten Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ für Furore sorgte, ist „eine perfekte Balance aus Witz und Tragik“ gelungen, lobte Moderator Arnold bei der von der jungen Ulmer Band About Ally gefällig eingerahmten Buchvorstellung im Club Orange. Humor sei für ihn die einzige Antwort auf die dunklen Kapitel der Menschheitsgeschichte, meinte Meyer. Aber so viel besser gehe es uns auch nicht: „Heute ist 18. Jahrhundert plus Smartphone minus Prügelstrafe.“

Im Juni erscheint das nächste Buch des höchst amüsanten, geistreichen Thomas Meyer: „Trennt euch“. Der Autor findet, die meisten Paare passen gar nicht zusammen – schon wieder keine glücklichen Menschen.

Glück aber haben die hiesigen Bücherfreunde: Die Literaturwoche geht noch bis Sonntag.

Noch bis zum 7. Mai


Veranstaltungen Weiter geht es mit der Literaturwoche Donau heute, Dienstag, 19.30 Uhr, in der Griesbadgalerie: Katja Cassing stellt ihren Cass Verlag vor. Morgen, Mittwoch, 19.30 Uhr, sind Michael Lichtwarck-Aschoff („Hoffnung ist das Ding mit Federn“) und Verleger Hubert Klöpfer zu Gast – im Münsterturm.  Am Donnerstag, 19.30 Uhr, folgen Florian Vetsch und Boris Kerenski („Tanger Telegramm“) in der Steinwerkstatt Vogel Neu-Ulm. Die Literaturwoche geht noch bis Sonntag.