Ulm Unter Ulm: In den Bunkerräumen des Bundeswehrkrankenhauses

Ulm / CHRISTOPH MAYER 05.08.2013
Wenn der Russe angegriffen hätte . . . wäre das komplette Bundeswehrkrankenhaus ruckzuck 20 Meter tiefer gelegt worden: in den atombombensicheren Keller. Heute ist der Bunker verwaist und verriegelt.

E. V. A. steht auf der neben der Eingangstür zum Atombunker des Bundeswehrkrankenhauses (BWK) hängenden Schiefertafel. Das bundeswehrjargontypische Kürzel bedeutet "Erdversenkte Anlage". Mit Kreide hat jemand "Licht ausschalten!", darunter geschrieben, gewissermaßen ein letzter Befehl für die Nachwelt. Seit 2010 ist die 20 Meter unter Tage liegende Anlage, in die uns der Aufzug mit "Sonderfahrt"-Blinkleuchte bringt, verschlossen. Nur wenige Auserwählte haben Zugang respektive einen Schlüssel. Und auch wenn die an der Wand hängenden Atemschutzmasken noch einigermaßen tauglich aussehen: Sie haben lediglich musealen Charakter.

So war das also im Kalten Krieg. Die Angst vor den Russen war allgegenwärtig, und wenn die Bundeswehr ein neues Krankenhaus baute wie 1974 auf dem Oberen Eselsberg, dann musste es für den Ernstfall gerüstet sein. Binnen weniger Stunden hätte man die gesamte Klinik unter die Erde verlegen können, in ein Krankenhaus unter dem Krankenhaus. Die Baugrube war damals die größte in Süddeutschland. Geschuldet eben vor allem jenem geplanten Schutzbunker, der im Kriegsfall bis zu 2000 Menschen hätte Schutz bieten sollen. Sowjetischen Spionagesatelliten dürfte das Riesenloch jedenfalls nicht entgangen sein.

"Nur ein einziges Mal hat hier unten eine Übung stattgefunden", sagt Oberfeldarzt Gerhard Kremers, Presseoffizier im BWK. Gebraucht wurde das unterirdische Hospital glücklicherweise nie. Und selbst wenn die atomare Bedrohung weiter bestünde, wäre das bauliche Monster unter der zwei Meter dicken Stahlbetondecke heute weitgehend nutzlos. "Moderne Marschflugkörper würden sich da problemlos durchfressen", sagt Kremers.

Auf 90 Tage "Durchhaltefähigkeit" war der Atombunker, dessen Bau sich die Bundesrepublik seinerzeit rund 80 Millionen D-Mark kosten ließ, angelegt. So lange hätte die Notstromanlage ihren Dienst geleistet, so lange hätte die Wasserversorgung aus unterirdischen Zisternen mit einer Kapazität von rund 1,5 Millionen Litern Wasser ausgereicht. Drei Mitarbeiter kümmerten sich in den Anfangsjahren ausschließlich um die Instandhaltung. Sie warteten die Pumpen, überprüften Luftversorgung oder die Verpflegungsrationen. Noch bis Mitte der 90er Jahre waren die OP-Säle funktionsfähig, sagt der Presseoffizier.

Das alles ist Geschichte. Wer heute durch die Flure läuft, spürt vor allem Beklommenheit. "Fluchtweg West - Ost" steht auf grün phosphoreszierenden an den Wänden entlang führenden Streifen, die bei Dunkelheit den Weg hätten weisen sollen. "Wenn hier einer verloren geht, dann gute Nacht", scherzt einer der soldatischen Begleiter. In der Tat: 6500 Quadratmeter, 270 Räume, kaum Licht, räumliche Bezugspunkte Fehlanzeige. Man sieht nur Beton, jeder Raum gleicht dem anderen.

"Das war ein Krankenzimmer", sagt Kremers und führt in einen Raum, in dem weiße Metallpritschen stehen. Zwölf Patienten hätten sich einen Raum teilen müssen, für Schwerkranke gab es Sechserzimmer. Noch weniger Platz hatte das Personal. Es hätte in Etappen schlafen müssen.

1999 ließ die Bundeswehr die Erdversenkte Anlage auflösen, bis 2010 gab es noch öffentliche Führungen, jetzt nicht mal mehr das - auch sinnbildlich verschwindet der Bunker langsam in der Versenkung. Die Wehrbereichsverwaltung Süd als Eigner führt sicherheitstechnische Bedenken ins Feld, die gegen jede Nutzung sprächen. Selbst als Lagerraum komme das Areal nicht in Frage. Den Keller einfach zuschütten? Geht nicht, sagt Kremers. Das BWK hat keine herkömmliche Gründung. Man muss es sich wie einen riesigen Quader vorstellen, der auf einer lockeren Kiesschüttung steht, beziehungsweise schwimmt, wie er es ausdrückt. "Wenn man den Keller zubaut, gerät das ganze Haus ins Wanken."

Zahlen und Fakten zum Bundeswehrkrankenhaus Ulm
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