Ulm Uni Ulm forscht zu Datenschutz und Sicherheit im Auto der Zukunft

Besonders im Notfall zeigen sich die Vorteile der neuen Technologie: Ein heranfahrender Rettungswagen warnt per Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation die anderen Verkehrsteilnehmer. Bei ihnen erscheint am Armaturenbrett ein Warnhinweis und sie können rechtzeitig ausweichen.
Besonders im Notfall zeigen sich die Vorteile der neuen Technologie: Ein heranfahrender Rettungswagen warnt per Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation die anderen Verkehrsteilnehmer. Bei ihnen erscheint am Armaturenbrett ein Warnhinweis und sie können rechtzeitig ausweichen. © Foto: Daimler AG
BENEDIKT MAIER 27.05.2014
Das Auto von Morgen ist vernetzt mit seinem Umfeld - und eine echte Datenschleuder. Forscher der Uni Ulm entwickeln Systeme, die die Datenflut eindämmen und das Auto gegen Hacker absichern.

Ein Auto fährt durch die Innenstadt. Mit seinen Gedanken ist der Fahrer bereits am Arbeitsplatz. Um den Verkehr muss er sich keine Sorgen machen. Denn sein Auto fährt autonom. Es findet die beste Route zum Büro und navigiert selbstständig durch den Straßenverkehr. Will es abbiegen, warnt es andere Fahrzeuge vorzeitig per Funk: "Macht langsam! Ich biege ab!"

Auch wenn die Markteinführung eines selbstfahrenden Autos noch Zukunftsmusik ist: "Der Trend hin zu Fahrzeugen, die immer mehr Manöver selbst übernehmen, ist eindeutig", sagt Prof. Frank Kargl. Er ist Leiter des Instituts für Verteilte Systeme an der Universität Ulm und forscht mit seinem Team am Auto der Zukunft.

Schon im nächsten Jahr erwartet Kargl einen Quantensprung beim assistierten Fahren: Die sogenannte Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation wird die Autos untereinander vernetzen. Die Einsatzmöglichkeiten sind so vielfältig wie die Situationen im Straßenverkehr. Ein Fahrzeug erkennt einen Stau auf der Gegenfahrbahn. Am Stauende angelangt, informiert es ankommende Wagen über die Verkehrslage.

Auch Kommunikation mit Verkehrszeichen ist vorstellbar: Erreicht ein Auto einen Straßenabschnitt mit vielen Ampeln, versendet ein Verkehrszeichen die empfohlene Geschwindigkeit für eine "grüne Welle" an das Fahrzeug.

Besonders aber in Gefahrensituationen kann sich das System bewähren: Bremst ein Wagen abrupt, informiert es das Auto hinter sich. Reagiert dessen Fahrer zu spät, bremst das Auto selbstständig. Ein Unfall kann vermieden werden.

Für Kargl ist die Verhinderung solcher Verkehrsunfälle Grund genug, die Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation einzuführen: "Vergangenes Jahr kam es auf der B 30 bei starkem Nebel zu einer Massenkarambolage mit drei Toten." Autos, die miteinander kommunizieren, verhinderten solche Unfälle. "Lange bevor der Fahrer das Hindernis mit den eigenen Augen sieht, wird er schon vom System gewarnt."

Auch der Gesetzgeber erkennt die Vorteile des vernetzen Autos - und will reagieren: Geht es nach der Europäischen Union sollen schon 2015 alle neuen Autos mit dem sogenannten "eCall"-System ausgestattet sein. Ist das Fahrzeug in einen Verkehrsunfall verwickelt, versendet das System automatisch einen Notruf an die Rettungskräfte - samt Koordinaten des Unfallorts.

Die Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation ist ein weiterer Schritt im Versuch, den Straßenverkehr sicherer zu machen. Doch was vielversprechend klingt, hat auch Nachteile: "Ein vernetztes Auto kommuniziert ständig. Es posaunt eine Vielzahl an Informationen in sein Umfeld hinaus." Kargl ist nicht nur Informatiker, sondern sieht sich auch als Datenschützer. "Die Kommunikation muss datensparsam ablaufen. Außerdem muss man sicherstellen, dass kein Dritter die Daten abfangen oder gar manipulieren kann."

Kargl forscht in seinem Institut an Wegen, die neue Technologie mit dem Datenschutz zu vereinbaren. Dafür entwickelt das Uni-Institut Kommunikationsprotokolle, die die Autos vernetzen, aber trotzdem keine unnötigen Daten preisgeben. "Mit einem gewissen Aufwand kann man zahlreiche vorteilhafte Dienste anbieten und die Privatsphäre trotzdem schützen."

In einem aktuellen Fachbeitrag beschäftigt sich Kargl mit dem Laden von Elektroautos. Er sieht Probleme im aktuellen Verfahren: "Name, Standort und Stromverbrauch sollen zukünftig automatisch an den Anbieter der Ladestation und andere Parteien übertragen werden". Es wäre ein Einfaches, ein Bewegungsprofil aus dem Tankverhalten zu erstellen. Das von ihm vorgeschlagene Verfahren geht sparsamer mit Daten um. Lediglich die für die Abrechnung relevanten Informationen werden an den Anbieter weitergeleitet.

Auch gegenüber Dritten muss die neue Technologie sicher sein. Es muss gewährleistet werden, dass nur Akteure wie Autos oder Verkehrszeichen berechtigte Signale versenden können. Kargls System vergibt deshalb jedem Akteur eine eindeutige Identifikationsnummer. Diese wechselt ständig und lässt keinen Rückschluss auf das Fahrzeug oder dessen Halter zu. Erreicht ein Auto ein Signal, überprüft es über die Identifikationsnummer zuallererst dessen Echtheit; erst dann verarbeitet es die empfangene Nachricht.

Kargl blickt optimistisch in die Zukunft: "Die Technologie, mit der vernetze Autos datensparsam und sicher gemacht werden können, ist vorhanden. Wir müssen sie nur noch in die Automobiltechnik einbauen." Auf lange Sicht schwebt ihm ein sich selbst regelnder Verkehr vor, der sparsam mit den verwendeten Daten umgeht.

Die Kollegen von Kargl an der Universität Ulm arbeiten derweil am nächsten Meilenstein: dem selbstfahrenden Auto. Ein erster Prototyp ist in Entwicklung. Er soll demnächst bei einer Testfahrt über das Ulmer Universitätsgelände vorgestellt.