Sie ist der Ulmer Wachstumsmotor schlechthin: Die Wissenschaftsstadt auf dem Oberen Eselsberg mit Uni, Klinikum, außeruniversitären Instituten und High-Tech-Firmen prosperiert. Neue Forschungs- und Lehrgebäude müssen her, hinzu kommt das Ansinnen des Klinikumsvorstands, sämtliche Einrichtungen von Michels- und Safranberg auf den Uni-Campus zu holen, um künftig medizinische Versorgung aus einem Guss bieten zu können – alles nachzulesen im Masterplan Wissenschaftsstadt.

Für die Natur dort oben bedeutet das nichts Gutes, befürchtet die BUND-Hochschulgruppe. Schon dem Bau der neuen Straßenbahnlinie sind zuletzt zahlreiche Bäume und Sträuche zum Opfer gefallen, darunter viele alte Eichen östlich des James-Frank-Rings. Wird das so weitergehen? Wird von der „Uni im Grünen“, so wie sie Ende der 1960er Jahre einmal konzipiert war, nichts übrig bleiben?

Kein Gefühl für Natur

„Wir sind nicht gegen Entwicklung, aber wir sind für eine gesunde Entwicklung“, sagte Cora Carmesin in ihren einleitenden Worten zu einer Podiumsdiskussion mit dem provokanten Titel „Uni im Grünen – eine Farce?“, zu der die BUND-Gruppe Vertreter von Uni, Klinikum und Kommunalpolitik auf den Campus geladen hatte. Und gab gleich noch ein Zitat des Naturforschers Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) zum Besten, demzufolge zur Naturwissenschaft stets auch ein Gefühl für Natur gehöre. Das sei in Ulm verlorengegangen. „Wir haben zwar eine Frauenquote, aber keine Naturquote.“

Glaubt man den auf dem Podium sitzenden Hauptakteuren, ist die Angst vor ökologischem Kahlschlag unbegründet. „Es wird in den nächsten Jahren auf dem gesamten Oberen Eselsberg bauliche Verdichtungen geben“, sagte Uni-Präsident Michael Weber. Aber Verdichtung heiße ja gerade nicht, dass Wald gerodet werde. Vielmehr nutze man ganz überwiegend brach liegende Flächen, auf denen jetzt etwa noch Autos parkten.

Auch Baubürgermeister Tim von Winning sang das hohe Lied auf die Verdichtung. Vorbehaltsflächen, wie etwa jene auf der anderen Seite des Berliner Rings in Richtung Mähringen, würden nicht angetastet. Entwicklungspotenzial sieht er auf dem Campus vor allem entlang der Albert-Einstein-Allee und in Baulücken. Klinikchef Udo Kaisers hob die ökologische Komponente der geplanten Klinikzusammenlegung hervor. „Momentan produzieren wir mit unseren drei Klinikstandorten unglaublich viel Traffic, weil wir permanent Patienten, Mitarbeiter und Material hin- und herfahren müssen.“ Wer sich ernsthaft um die Umwelt sorge, könne genau das nicht wollen. Uni-Bauamtschef Wilmuth Lindenthal sagte, man achte sehr wohl auf ökologische Aspekte. Für jeden gefällten Baum gebe es Ausgleichsmaßnahmen, auch die Biodiversität habe man im Auge und arbeite an einer Stärkung der Grünzonen. „Außerdem haben wir in Ulm den zweitgrößten Botanischen Garten in Deutschland.“

Alles halb so wild? Nein, fand  BUND-Regionalgeschäftsführerin Daniela Fischer. „Bei mir klingeln trotzdem die Alarmglocken.“ Ausgleichspflanzungen seien quantitative Maßnahmen, doch es gehe auch um Qualität. „150 Jahre alte Eichenwälder darf man nicht einfach fällen. Die ökologische Wertigkeit dieser Bäume können wir nicht ersetzen.“ Zudem sei die Baumbilanz in Ulm nachweislich negativ.

Für Fischer ist eine Forderung essenziell, nämlich die, rote Linien zu ziehen. „Wir müssen schon heute festlegen, was auch in 40 Jahren nicht bebaut werden darf.“ Flächensparendes Bauen sei das Gebot. „Dann muss es eben in die Höhe oder in die Tiefe gehen. Denn es geht um jeden Baum.“

Psychologie-Professorin Anke Huckauf bezweifelt, dass künftig alle mit der Straßenbahn zum Campus kommen. Der Individualverkehr werde in Ulm mit seiner ländlich geprägten Region weiter eine feste Stellgröße bleiben. Wenn aber für Neubauten ausschließlich Parkflächen wegfielen, „wo parken dann die vielen Autofahrer“?

Uni-Präsident Weber sieht Tiefgaragen als mögliche Zukunftslösung an. Die seien zwar teuer, „weshalb wir sie vom Finanzministerium nicht genehmigt bekommen“. Man müsse in Stuttgart aber darauf drängen. Tim von Winning ist da skeptisch. Jeder Tiefgaragenstellplatz koste den Steuerzahler 30 000 Euro, ein Platz im Parkhaus schlage dagegen mit nur 8000 Euro zu Buche. Dann lieber in die Höhe bauen. Auch für Wilmuth Lindenthal sind Tiefgaragen keine Lösung: „Da wird viel Geld vergraben. Was machen wir in 50 Jahren damit, wenn keiner mehr Auto fährt? So viel Lagerfläche  braucht kein Mensch.“

100 Millionen Euro: Was aktuell auf dem Campus gebaut wird


38


Millionen Euro kostet der Ersatzneubau der Technischen Hochschule Ulm auf dem Campus West

23


Millionen Euro kostet das Forschungsgebäude ZQB – ein Zentrum für Quanten- und Biowissenschaften

19


Millionen Euro fließen
ins Trainingshospital
„To Train U“ für
Medizinstudenten

35


Millionen Euro kostet 
die Sanierung des
50 Jahre alten 
Gebäudekreuzes „M“