Forschung Uni-Biologen erforschen den menschlichen Duft

"Das duftet nach Frau", findet Jasmin Berndt, 22, eine der Test-Riecherinnen des an der Uni laufenden Versuchs. Die Studentin der Wirtschaftswissenschaften findet übrigens, dass Frauen generell besser riechen - ausgenommen ihr eigener Freund: "Der riecht süßlich."
"Das duftet nach Frau", findet Jasmin Berndt, 22, eine der Test-Riecherinnen des an der Uni laufenden Versuchs. Die Studentin der Wirtschaftswissenschaften findet übrigens, dass Frauen generell besser riechen - ausgenommen ihr eigener Freund: "Der riecht süßlich." © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / CHRISTOPH MAYER 27.01.2015
Kann man Männer und Frauen am Geruch unterscheiden? Erriechen Frauen das Geschlecht besser? Oder Männer? Um solche und andere Fragen geht es gerade an der Uni: Biologen laden zum Schnüffeltest.

Womöglich liegt es ja auch am Duft der vier Biologiestudentinnen, dass der Versuch so gut anläuft. Da stehen sie also im Flur vor dem Versuchsraum im Uni-Gebäude N 24 und flöten die Vorbeigehenden an: "Hast du Lust, einen kleinen Test zu machen? Geht auch ganz schnell." Es sind - zumindest an diesem Nachmittag - vor allem Männer, die ihnen auf den Leim gehen respektive den Wunsch nicht abschlagen können: meist Studenten, aber auch ein paar ältere Semester.

Was die Teilnehmer drinnen erwartet, ist anrüchig. Jeweils vier benutzte T-Shirts, jedes in eine Plastikdose eingepackt, liegen vor jedem Probanden. Die Aufgabe: Dose aufmachen, Nase reinhängen, intensiv riechen, und dann auf beiliegendem Fragebogen ankreuzen, ob man den Duft als "weiblich", "männlich" respektive "sehr attraktiv", "attraktiv", "unattraktiv" oder "sehr unattraktiv" empfindet.

Im Selbstversuch wird klar: Das ist nicht so einfach. T-Shirt eins riecht süßlich-muffig. Aber beim zweiten Schnuppern gar nicht übel, eher harmlos. Shirt Numero zwei könnte von einem Mann stammen. Herb, aber anziehend. Soll man das jetzt so ankreuzen, oder kommt man dann schwul rüber? Shirt Nummer drei muss einer ohne Eigengeruch getragen haben. Und das vierte riecht etwas ärmlich.

Grautöne, ein Sowohl-als-auch, lässt der Fragebogen nicht zu. Aus gutem Grund, sagt Dozentin Dr. Taina Conrad von der Abteilung Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik der Uni Ulm: "Bei Ankreuztests wählen Menschen oft die Mitte, aus Bequemlichkeit oder weil sie sich nicht entscheiden wollen. Diese Möglichkeit wollen wir ihnen gar nicht erst bieten. Sonst kommen keine verwertbaren Ergebnisse heraus."

Das Schnupperseminar ist Teil des Kurses "Chemische Ökologie" im Masterstudiengang Biologie. Die Disziplin beschäftigt sich mit Duftstoffen, erklärt Conrad. "Es geht um Pheromone, Signalstoffe, die Tiere und Menschen verströmen, um miteinander zu kommunizieren. 36 Duftstoffgeber, zur Hälfte Frauen, zur Hälfte Männer, hatten die Kursteilnehmer vorab als Versuchskaninchen gewinnen können. Jeder musste ein fabrikneues T-Shirt der gleichen Firma (es wurde vor dem Versuch gewaschen, um Chemikalien herauszuspülen) fünf Nächte hintereinander tragen. Abends herrschte Waschverbot. "Damit der Achselgeruch möglichst natürlich ins Shirt eindringen kann", sagt Conrad. Morgens, immerhin, durfte mit einer duftlosen Seife geduscht werden; man wollte ja keine sozialen Außenseiter produzieren.

Die Fragen, die die Kursteilnehmer umtreiben und auf die sie Antworten suchen? Kann man Mann und Frau an deren Eigengeruch unterscheiden? Und falls ja, können Männer oder Frauen das Geschlecht besser erriechen? Auch Verhütungsmittel sind ein Thema. Die Hälfte der Duftstoffgeberinnen nehme die Pille, berichtet Conrad. "Wir wollen herausfinden, ob Frauen, die ihrem Körper durch Einnahme von Hormonen eine Schwangerschaft vortäuschen, eine andere Ausdünstung haben als Frauen, die nicht auf diese Weise verhüten."

Zwei Wochen läuft der große Schnüffeltest. Bis Mitte vergangener Woche hatten 180 Testriecher mitgemacht. "Wir rechnen bis zum Ende der Versuchsreihe mit der doppelten Teilnehmerzahl", sagt Conrad. Parallel zur Fragebogenauswertung wird es chemische Analysen der T-Shirts geben. Dazu wird der Luftraum in der Dose im Labor abgesaugt, ein so genannter Gas-Chromatograph analysiert die Duftstoffe, etwa: wie viel Androstenon, ein männliches Sexualpheromon, steckt drin und wie viel Estratetraenol, ein weibliches. "Wir untersuchen, ob das Duftbouquet mit der angekreuzten Attraktivität oder Unattraktivität korreliert", sagt Conrad, die einräumt, dass von dem Feldversuch keine revolutionären Erkenntnisse zu erwarten seien. "Es geht uns vielmehr darum, unsere Studenten mit wissenschaftlichem Arbeiten vertraut zu machen." Dazu eigne sich die Versuchsreihe ideal, zumal die Studenten die Fragen selbst erarbeitet haben.

Selbsterkenntnis macht sich bei den Masterstudenten schon vor der finalen Analyse breit. Pia Burkhardt etwa, die von sich behauptet, einen guten Riecher für Menschen zu haben ("ich erkenne meine Freunde am Geruch"), ist ernüchtert. Die 23-Jährige hat beim Vergleichsschnuppern ihr eigenes T-Shirt nicht erkannt. "Aber vielleicht ist das ja normal, dass man sich selbst nicht riechen kann."

Pheromone

Lockstoff Pheromone sind flüchtige Signalstoffe, die zur Informationsübertragung zwischen Individuen einer Art dienen. Sie verlassen den menschlichen Körper meist über Schweiß. Weibliche Sexualpheromone beeinflussen Männer meist unbewusst und stimulieren sie sexuell - umgekehrt gilt das natürlich ebenso. Auch in der Tierwelt finden sich Pheromone wieder, etwa beim Seidenspinner oder Nachtfalter. Sie sind in ihrer Fortpflanzung auf diesen Lockstoff angewiesen, und Weibchen locken Männchen oft über große Distanzen an.