Es gab gleich gar keine Debatte mehr: Der Stadtentwicklungsverband Ulm/Neu-Ulm (SUN) hat einhellig der Aufstellung eines Bebauungsplans am Eck Söflinger-/Kässbohrerstraße zugestimmt. Er ermöglicht der städtischen Baugesellschaft UWS den Bau von Wohnungen. Und er schiebt der Absicht, ein bereits an der Kässbohrerstraße angesiedeltes Bordell zu erweitern, einen Riegel vor.

Ausgangslage Es geht um die Grundstücke Söflinger Straße 120 und 124 und Kässbohrerstraße 9. Für sie existieren mehr als 100 Jahre alte einfache Bebauungspläne, die in diesem Mischgebiet mitten im Sanierungsgebiet Weststadt fast alles erlauben. Die UWS hat beide Grundstücke an der Söflinger Straße erworben. Sie plant eine Neubebauung mit einem hohen Anteil an Sozialwohnungen; ein kleiner Lebensmittel-Discounter soll – mit besseren Perspektiven – erhalten bleiben.

Absichten Im Februar flatterte der Stadt aber auch der Antrag eines Grundstückseigentümers aus der Kässbohrerstraße auf den Tisch. Er will den bisherigen „bordellartigen Betrieb mit sechs Zimmern“ (Verwaltungsvorlage) um 16 Zimmer erweitern. Das sei nun ja überhaupt nicht mit den Sanierungsbemühungen einer zwar gemischten Nutzungsstruktur, aber mit hohem Wohnanteil vereinbar, sagte der Ulmer Chefstadtplaner Volker Jescheck. „Wir sind ja nicht prüde. Aber hier muss die Stadt Flagge zeigen.“ Heutzutage „Trading-Down-Effekte“ genannte Entwicklungen fürs ganze Gebiet müssten vereitelt werden. Solche Betriebe gehörten in „Spezialbereiche“ wie an der Blaubeurer Straße. Aber nicht dorthin, wo durch Wohnungsbauten Familien mit Kindern hinzögen. Wobei das kleine Bordell Bestandsschutz hat und bleibt.

Perspektiven Um die Voraussetzungen zu schaffen, dass die UWS „die erklärten Sanierungsziele“ (Baubürgermeister Tim von Winning) auch erreichen kann, schließt der Bebauungsplan aus: Gartenbaubetriebe und Tankstellen, Vergnügungsstätten, Diskotheken, Spielhallen, „Vorführ- und Geschäftsräume, deren Zweck auf Darstellungen oder Handlungen sexuellen Charakters ausgerichtet sind“, Bordelle und „bordellartige oder sonstige Gewerbebetriebe mit dem Zweck der Anbahnung, Vermittlung oder Erbringung von Dienstleistungen sexuellen Charakters“.

Weiteres Vorgehen In den Gebäuden an der Söflinger Straße befinden sich derzeit in den Erdgeschossen neben dem Netto-Markt kleine Gewerbebetriebe, die als nicht störend eingeschätzt werden. Darüber Wohnungen. Die UWS möchte mit der Neubebauung den Wohnungsanteil aufstocken. Um zu guter Architektur zu kommen, wird die stadteigene Baugesellschaft einen kleinen Architektenwettbewerb anleiern. Dies in Form einer so genannten Mehrfachbeauftragung.


 

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Das Positive am Vorschriftenwust

Unser Baurecht ist viel gescholten. Weil es Bauherren oft überbordend erscheint. Ein Wust an Vorschriften, und Formalitäten schränkt eigene Vorstellungen ein. Die Kehrseite der Medaille ist freilich durchaus positiv, wie das kleine Beispiel aus der Ulmer Weststadt zeigt.

Dort mühen sich Stadt und private Bauträger und -herren nach Kräften. Im Zuge der seit Jahren laufenden Sanierung hauchen dem noch vor nicht allzu langer Zeit durch Industrieanlagen und Gewerbebauten geprägten unwirtlichen, aber mit 11 200 dort lebenden Menschen immer noch einwohnergrößten Stadtteil Wohnattraktivität und Aufenthaltsqualität ein. Was an vielen Stellen gelingt – man denke nur an die früher industriell dominierten Bereiche Wörth-/Sedanstraße oder das Quartier rund ums Westbad.

Die städtische UWS trägt durch Neubauten und Sanierungen ihrer Altbestände maßgeblich zur Aufwertung der Weststadt bei. Nun fügt sie einen neuen Baustein ein an der Söflinger Straße: Sozialwohnungen für Familien, nach denen die versammelte Lokalpolitik laut schreit. Wie die Faust aufs Auge passte es da, vergrößerte sich ums Eck an der Kässbohrerstraße ein bestehender Puff. Auch solche Etablissements haben in einer Großstadt ihre Daseinsberechtigung. Aber konzentriert dort, wo sie das Wohn- und Wohlgefühl nicht tangieren.

Dem Bebauungsplan, reich an schrulligen Vorschriften, sei Dank, dass er hier die Felder richtig absteckt.