Schwörkonzert 2018 Dieter Thomas Kuhn: Und es war doch noch Sommer

Ulm / Helmut Pusch 23.07.2018
Dieter Thomas Kuhn und seine Band begeistern mit ihren Schlagern mehr als 6000 Fans auf dem Münsterplatz – und das Wetter spielt wider Erwarten mit.

Nach zweieinhalb Stunden die ultimative Schnulze zum Schluss: Michael Holms „Tränen lügen nicht“. Danach geht nichts mehr. Zuvor hatte Dieter Thomas Kuhn mit Föhnwelle und Brusttoupet auf dem Münsterplatz die paillettenseligen 70er Jahre beschworen, die Hits aus der Blütezeit der ZDF-Hitparade gesungen und die Herzen der Fans erwärmt.

Kuhn begann damit vor mehr als zwei Jahrzehnten – als ironische Persiflage. Mittlerweile ist Schlager längst wieder zur massenkompatiblen Unterhaltung geworden, ziehen Stars wie Helene Fischer und Andrea Berg die Zuhörer aller Generationen in Scharen an. Die Diven füllen ganze Arenen – wie Dieter Thomas Kuhn, der am Sonntag nach 1999 und 2010 bereits das dritte Mal auf dem Münsterplatz gastierte – diesmal vor etwa 6000 Fans.

Die sind anfänglich noch unter ihren Regencapes kostümiert, vermischen dabei wild, was nie zusammengehörte, also etwa Flower-Power-Accessoires mit Schlaghosen und Plateausohlen, und scheren sich keinen Deut um Ironie und Persiflage. Sie sind gekommen, um die alten Hits zu hören, sie lauthals mitzusingen, eine musikalische Heimat zu feiern, die viele wohl noch als Kinder im Bademantel im Wohnzimmer beim samstäglichen Vorabendprogramm gefunden haben durften. Das prägt.

Und mit Verlaub: So groß der Erfolg der Damen Fischer und  Berg auch sein mag, die besseren Songs hat Dieter Thomas Kuhn dabei, schlicht zwei Dutzend der größten Knaller von Caterina Valentes „Sag mir quando, sag mir wann“, über Peter Alexanders „Kleine Kneipe“, bis zu „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ von Jürgen Marcus. Udo Jürgens ist gleich mit mehreren Songs vertreten, und Rio Reiser, der mit deutschem Schlager nun mal so gar nichts zu tun haben wollte, sondern mit seiner Band „Ton Steine Scherben“ eben genau gegen diese heile Welt ansang, liefert sogar das Motto der aktuellen Open-air-Tournee „Für immer und Dich“.

Der größte Augenblick war aber wohl Reinhard Meys „Über den Wolken“ vorbehalten. Dessen Refrain sang das Publikum so beseelt mit, da bekam nicht nur Dieter Thomas Kuhn Gänsehaut, da hörte auch der Regen auf, rechtzeitig vor Maffays „Und es war Sommer“, das Kuhn nutzte, um eine seiner Moderationen abzusondern, die durchaus etwas zum Ballermann schielen.

Sei’s drum: Es ging am Sonntag nicht um die Me-Too-Debatte, sondern um Gute-Laune-Musik, und die inszenieren Kuhn und seine Band, deren Mitglieder sich wie der Frontmann geradezu in Glitzer und Haarspray gesuhlt zu haben scheinen, einfach perfekt. Da wird mit der großen Kelle an allen Instrumenten ausgeteilt. Feinmotorik war aber auch keine sonderlich gesuchte Eigenschaft in deutschen Aufnahmestudios, anspruchsvolle Soli sowieso nicht – und wenn dann gab’s ja Ricky King und dessen güldene Stratocaster.

Dafür ist die Mannschaft auf der Bühne groß in Sachen Spaß. Denn wie gesagt: Alles begann als Persiflage und deren Freiheiten nutzen die Musiker und Kuhn nach Herzenlust, um zu überzeichnen, sich mit einem lachenden Auge die Träne aus dem anderen zu wischen. So schön die ironische Brechung auch als Entschuldigung klingt, am Ende kriegen sie doch jeden, diese Schnulzen und Gassenhauer – und dieser Dieter Thomas Kuhn mit seiner Föhnwelle und dem Brusttoupet.

Erpfenbrass heizen die Stimmung an

Erpfen-Was? Erpfenbrass! So ein Name muss erläutert werden. Die sechs Herren, die gestern vor Dieter Thomas Kuhn die Bühne enterten, und mit ihrer Mischung aus Pop, Blasmusik und Funk überzeugten, kommen aus Gerstetten, genauer aus dem Umfeld des Kulturhofs Erpfenhausen – daher der Name. Den treibt Bennie Jäger von Stumpfes Zieh- und Zupfkapelle um, und zwei der Musiker sind Neffen Jägers. Das Sextett bedient live im Wechsel auch mal bis zu 15 Instrumente. Man ahnt schon, das sind keine Autodidakten, die haben ihr Handwerk gelernt und zwar ganz prima.

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