Sommer-Interview Expeditionen im Hochgebirge: „Mut und Angst sind Geschwister“

Ulm / Hans-Uli Mayer 06.08.2018
Das Ehepaar Helga Söll und Jürgen Greher geht jedes Jahr auf Hochgebirgstouren. Dazu gehört Mut, vor allem aber Besonnenheit, ohne die es schnell richtig gefährlich werden kann.

Helga Söll (55 Jahre) und Jürgen Greher (59) dürften derzeit die erfolgreichsten noch aktiven Bergsteiger in der Region sein. Das in Pfuhl lebende Ehepaar unternimmt jedes Jahr mindestens eine Expedition und hat auf seiner Erfolgsliste drei Gipfel mit mehr als 8000 Metern (Nanga Parbat mit 8126 Metern, Dhaulagiri 8167 Meter und Gasherbrum II, 8035 Meter), zwei 7000er und acht 6000er stehen. Trotzdem bezeichnen sie sich nicht als Extrembergsteiger, da gebe es bessere, sondern als Höhenbergsteiger oder als Alpinisten. Dennoch braucht es Mut für ihre Touren, oder wie Reinhold Messner sagt: „Zum Glück habe ich Angst.“

Frau Söll, Herr Greher, Edward Whymper hat als Erstbesteiger des Matterhorns gesagt, dass Mut und Kraft ohne Besonnenheit wertlos sind. Was überwiegt bei Ihren Höhentouren? Der Mut oder die Besonnenheit?

Jürgen Greher: Man braucht schon Mut, um sich mit der Gefahr auseinander zu setzen, am Berg aber braucht man vor allem Erfahrung – oder eben Besonnenheit.

Helga Söll: Man darf nicht grundsätzlich angstbehaftet sein, und braucht tatsächlich Mut, seine Angst zu überwinden. Und die Selbstsicherheit, in extremen Situationen kühlen Kopf zu bewahren und cool reagieren zu können.

Greher: Um mutig sein zu können, braucht es die Angst. Die beschützt mich, oder wie Reinhold Messner sagt: ‚Angst ist die eine Hälfte von Mut.’

Sie machen jedes Jahr eine größere Expedition, zuletzt waren Sie im Himalaya, von wo Sie erst vor zwei Wochen zurückgekommen sind. Wie hat diese Leidenschaft begonnen?

Greher: Ich war schon als Student viel in den Bergen und bin klettern gegangen. Beispielsweise an der „Küssenden Sau“ (Kletterroute im Blautal, Anm. d. Red.), da habe ich an der Schlüsselstelle, die heute nicht mehr gegangen wird, richtig Angst gehabt.  Das war 1980, zwei Jahre später war ich das erste Mal in Nepal. Damals hatte ich den Lebenstraum, einen 6000er zu besteigen, was mir das erste Mal mit meiner Frau Helga im Frühjahr 2002 gelungen ist. Das war der Island-Peak (6189 Meter) im Khumbu-Gebiet südlich von Mount Everest und Lhotse.

Söll: Das war mein erster hoher Gipfel und sein Pech, weil mir das richtig gefallen hat. Ich habe ja erst Ende der 90er Jahre mit dem Klettern angefangen. Aber das hat richtig gezündet.

Kondition, technisches Können und Kopfsache

Solche Hochtouren sind doch aber gefährlich. Wie gehen Sie damit um?

Söll: Kondition und technisches Können machen etwa zwei Drittel aus. Das andere Drittel ist Kopfsache, man muss psychisch schon stabil sein und sich aufeinander verlassen können. Wir hatten am Everest die Situation, dass Jürgen auf 8000 Meter ein Lungenödem bekam und nicht mehr weiter konnte. Er hat so rechtzeitig umgedreht, dass er alleine absteigen konnte. Ich bin dann alleine mit dem Sherpa weiter.

Haben Sie da keine Angst um den Partner gehabt? Sie um Ihren Mann, weil der alleine absteigt. Und Sie um Ihre Frau, die alleine weiter geht?

Greher: Wir haben natürlich unterschiedliche Fähigkeiten. Ich kümmere mich um Ausrüstung und Orientierung, meine Frau ist die Mutigere von uns beiden. An schwierigen Stellen geht meist sie voran. Aber die klare Regel am Berg ist, frühzeitig Signal zu geben. Wir waren ja ohne Sauerstoff unterwegs, und ich wusste, ich bin jetzt noch so stark, dass ich es alleine schaffe. Wäre ich 100 Meter höher gegangen, wäre es zu spät gewesen.

Söll: Da oben ist man völlig fokussiert. Ich sage immer, wenn der Zug anrollt, kann man alles andere ausblenden. Wir hatten auf 8300 Meter noch ein Lager aufgeschlagen und sind am nächsten Tag noch auf 8500 Meter aufgestiegen, dann mussten wir wegen des starken Sturms und der Kälte umkehren. Außerdem wurde die Zeit knapp, wir hätten den Gipfel wohl nicht mehr in der in der Todeszone verbleibenden Zeit geschafft. Deshalb bin ich auch runter ins Basislager auf 6400 Metern – und zwar alleine, weil der Sherpa anderen Bergsteigern helfen musste, die noch weiter oben feststeckten.

Mut ohne Angst scheint irgendwie nicht vorstellbar?

Greher: Nein, Mut und Angst sind tatsächlich ein untrennbares Geschwisterpaar.

Söll: Bei allem Mut, den man braucht, die Angst beschützt einen. Bei Situationen wie am Everest diskutieren wir lange und entscheiden dann aber rational. Wenn man Angst hat, wird man unsicher, und das wird gefährlich.

Greher: Die Angst hilft vor Selbstüberschätzung und bewahrt einen davor, Unsinn zu machen. Abzubrechen und alleine runter zu gehen, war nicht der Angst geschuldet, sondern die reine Vernunft.

Bei Ihrer letzten Expedition im Juni und Juli dieses Jahres mussten Sie ebenfalls abbrechen, als Sie am Broad Peak im Himalaya eine riesige Lawine überraschte und Ihre ganze Ausrüstung verschüttete.

Greher: Ja, die liegt noch dort, wahrscheinlich Meter tief unter Schneemassen begraben. Da sind ein paar tausend Euro weg.

Söll: Wir waren sieben Wochen weg. Aber man muss aufhören können, wenn es zu gefährlich wird. Und aufhören heißt in dem Fall ganz aufhören und es nicht ein paar Tage später erneut probieren zu können.

Was für Lehren ziehen Sie aus Ihren Bergerfahrungen für den Alltag?

Söll: Wichtig ist, dass man sich selber kennt. Weiß, was man kann und was man sich zumuten kann. Das lernt man am Berg.

Greher: Durchhalten, konzentriert bleiben. Ich bin Kinderarzt, und wenn ich eine lange Sprechstunde habe, muss und will ich auch beim letzten Kind noch konzentriert sein. Am Berg wie bei einer Untersuchung muss jeder Schritt kontrolliert sein. Und man lernt auch sich die Neugier und die Sehnsucht zu bewahren, die mich den Kindern sagen lässt, sich auch mal etwas zuzutrauen, etwas auszuprobieren und etwas zu wagen.

Wie trainiert man auf solche Expeditionen, wie halten Sie sich fit?

Söll: Wir haben beide keinen Trainingsplan und machen viel aus dem Bauch heraus. Aber es ist schon viel Ausdauer und viel Konditionstraining. Das ist durchaus zeitintensiv. An den Wochenenden machen wir jeweils an beiden Tagen immer die längeren Trainingseinheiten.

Greher: Wir trainieren eigentlich immer. Der Erfolg am Berg hängt vom Training zuhause ab. Einmal die Woche Krafttraining, ansonsten viel Joggen und viel Radfahren. Helga läuft jede Woche zwei Halbmarathon. Mit dem Fahrrad haben wir eine Runde nach Blaubeuren und zurück, wo unsere Praxis ist. Dabei sind 1800 Höhenmeter eingebaut, immer rauf und runter.

Söll: Im Winter gehen wir auf Skitouren. Manchmal laufen wir dabei das Wertacher Hörnle im Allgäu viermal nacheinander hoch (rund 2600 Höhenmeter, Anm. d. Red.). Das wichtigste ist, dass es Spaß macht. Ohne Freude daran, geht das nicht.

Mut hat viele Facetten

Was verstehen Sie außerhalb Ihrer gefährlichen Sportarten als mutig?

Greher: Mutig ist für mich, Zivilcourage zu zeigen. Menschen, die aufstehen und sich trauen, etwas zu sagen. Menschen, die eingreifen, wenn jemand in Not ist. Und Menschen, die den Mut haben, ihr Leben zu leben.

Söll: Für mich ist mutig, wer seine Träume lebt. Wer sich traut, auch mal ins kalte Wasser zu springen und das Risiko auf sich zu nehmen, dass es schief gehen kann. Mutig sein kann auch bedeuten, seinem Leben neue Impulse zu geben, statt immer nur auf der sicheren bekannten Seite zu stehen.

Greher: Genau, sich trauen, auch mal etwas anderes zu denken und zu machen. Am Berg, und auch das nehmen wir von unseren Hochtouren mit in den Alltag, am Berg braucht es immer einen Plan B. Wie im normalen Leben auch muss man sich trauen, zu improvisieren.

Bergsteigerlatein

„Menschen, die mutig sind, die immer diese Neugier und Sehnsucht in sich tragen, sind glücklicher.“ (Thomas Huber, Extrembergsteiger)

„Wenn ich die Zivilisation hinter mir lasse, fühle ich mich sicher.“ (Heinrich Harrer, Bergsteiger-Legende und einer der Erstbesteiger der Eiger-Nordwand)

„Mut besteht nicht darin, dass man die Gefahr blind übersieht, sondern darin, dass man sie sehend überwindet.“ (Jean Paul, deutscher Schriftsteller 1763-1825)

„Mut und Kraft sind ohne Besonnenheit wertlos.“ (Edward Whymper, Erstbesteiger Matterhorn)

„Angst ist die andere Hälfte von Mut.“ (Reinhold Messner, Italienischer Abenteurer und Grenzgänger)

Zu den Personen

Biografien Dr. Jürgen Greher ist 59 Jahre alt und Kinderarzt. Gemeinsam mit seiner 55-jährigen Ehefrau Helga Söll (Kinderkrankenschwester) betreibt er eine eigene Praxis in Blaubeuren. Das kinderlose Ehepaar lebt in Neu-Ulm/Pfuhl und ist Mitglied in der Sektion Neu-Ulm des DAV.

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