Dass einem die Decke auf den Kopf fällt, dieses Gefühl kennt jeder. Selten ist es aber so präsent wie in der Baugrube vor dem Bahnhof. 13 Meter geht es in die Tiefe, von unten reicht der Blick hinauf in den grauen, regnerischen Ulmer Himmel. Aber ein paar Meter weiter, in den Resten der alten Fußgängerpassage, eben nur bis zur Decke. Und die ist dem Kopf nah, sehr nah.

War das immer so? Ja, sagt Harald Walter. Der städtische Koordinator der Großbaustellen streckt die Arme aus. „Die Decke konnte ich auch früher schon berühren.“ 2,40 Meter hoch war die Passage nur, doch jetzt, als dunkles Loch mit einem Wald von hölzernen Stützen, scheint sie noch viel niedriger, beklemmender.

Neue Passage wie aus einem Guss

Die neue Passage, die die Sedelhöfe mit der Tiefgarage und dem Bahnhof verbindet, wird rund vier Meter hoch. „Das wird ein ganz anderes Raumgefühl“, sagt Walter. Mit ihrer Höhe orientiert sich die Passage am ersten Untergeschoss der Sedelhöfe, wo unter anderem ein Lebensmittelmarkt einziehen wird. Alles soll aussehen wie aus einem Guss.

Nichts schwerer als das. „Die komplexeste Ulmer Baustelle“, nennt Walter die Bauarbeiten vor dem Bahnhof. „Die interessanteste“, sagt Frank Bunz. Der Bauleiter der Firma Scherr und Klimke sieht die Arbeiten für die Tiefgarage mit den Augen eines Bau-Ingenieurs, und für diesen Berufsstand bietet die Baustelle fast alle möglichen Herausforderungen auf einmal.

Das liegt vor allem daran, dass es nicht nur eine, sondern mehrere Baustellen gibt – direkt nebeneinander, mit- und ineinander. Die Tiefgarage mit 540 Stellplätzen und unterirdischem Kreisverkehr, Passage, Sedelhöfe, Hotel-Neubau am Bahnhofplatz 7, alles in unterschiedlichen Stadien des Hoch- oder Tiefbaus. SWU, Telekom und Fernwärme verlegen Leitungen, und der Verkehr zu Fuß, mit Auto, Bus und Straßenbahn, soll auch noch funktionieren, leidlich wenigstens.

Die Tiefgarage wird deshalb in so genannter Teil-Deckelbauweise erstellt. Das heißt: Nur ein Teil des Baulochs ist eine offene Grube. Der andere Teil hat einen Deckel, auf dem der Verkehr rollt. Darunter wird gegraben, gebuddelt, gebohrt. „Wir arbeiten hier ein bisschen inkognito“, sagt Bauleiter Bunz. „Von oben kriegt man kaum mit, was hier unten passiert.“ Nur vom Fußgängersteg können Neugierige in die Baugrube schauen.

Tief im Grundwasser

Derzeit stehen die Bagger und Bohrer in 13 Meter Tiefe. Noch vier Meter mehr, dann ist die Sohle der Tiefgarage erreicht. Schon jetzt stehen die Bauarbeiter in der Grube sieben Meter unterhalb des Grundwasserspiegels. Über zwei Brunnen wird das Wasser ständig abgepumpt und fließt gereinigt in die Blau.

Wenn die Tiefgarage fertig ist, wird sie natürlich dicht sein, versichert Bunz. Rund 600 Bohrpfähle, eng an eng in den Boden gerammt, bilden die Wände. Das Grundwasser drückt das Bauwerk aber auch nach oben. 400 Gewindeanker halten es wie einzementierte Widerhaken im Boden fest.

Mitte 2021 soll die Tiefgarage fertig sein. Nach Problemen mit der Baufirma im vergangenen Jahr und einer Bauverzögerung liege das Projekt nun wieder im Plan, sagt Harald Walter von der Stadtverwaltung. Besonders der Bau der Passage laufe gut, seit Bauabschnitte zusammengelegt wurden – mit der für Autofahrer äußerst unerfreulichen Konsequenz, dass die Friedrich-Ebert-Straße seit April und voraussichtlich bis ins nächste Jahr hinein in Richtung Süden gesperrt ist. Die Leute vom Bau sind aber froh über diese Entscheidung. „Es gibt viele Vorteile“, sagt Walter. „Es geht schneller und die Baulogistik ist einfacher, weil das Baufeld größer ist.“

Die Passage lässt sich jetzt also leichter bauen. Für alles andere in der Nachbarschaft gilt das nicht. Während es bei der Tiefgarage weiter in die Tiefe geht, wachsen die Sedelhöfe  bereits in die Höhe, und am Bahnhofplatz 7, wo der Neubau zusammen mit dem Wohn- und Einkaufsquartier fertig werden soll, klafft noch ein Loch. Die Bauarbeiten dürfen sich buchstäblich nicht in die Quere kommen. „Alles geht parallel, das ist die Schwierigkeit“, sagt Bauleiter Jan Heintz. Auch deshalb ist diese Baustelle so  besonders komplex – oder, wie Heintz Kollege Bunz sagt,  so interessant.

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Millionen Euro soll die Tiefgarage inklusive Passage nach der neuesten Schätzung kosten. Ursprünglich war mit knapp 52 Millionen Euro kalkuliert worden. Zu der Steigerung trugen der schwierige Baugrund und die Anpassung der Planung bei. Mit Mehrkosten von 1,3 Millionen Euro schlugen juristische und sonstige externe Beratungen zu Buche. Sie wurde im vergangenen Jahr auch wegen Schwierigkeiten mit der Baufirma nötig. Um die Mehrkosten zu senken, wurden 1,75 Millionen Euro eingespart, unter anderem durch Verzicht auf Radio- und Mobilfunkempfang in der Tiefgarage.