Festnahme Mesale Tolu drohen mindestens sechs Monate Haft in der Türkei

Mesale Tolu aus Ulm sitzt derzeit in einem Gefängnis in der Türkei.
Mesale Tolu aus Ulm sitzt derzeit in einem Gefängnis in der Türkei. © Foto: Facebook
Neu-Ulm / DAVID NAU 17.05.2017
Die Neu-Ulmer Journalistin Mesale Tolu durfte im Gefängnis in Istanbul erstmals Besuch empfangen. Auch ihren Sohn sah sie wieder. Er soll nun bei ihr bleiben.

Seit über zehn Tagen hat Hüseyin Tolu zwei Jobs zu erledigen. Zusätzlich zu seinem Hauptjob bei einer Baumarktkette ist der Neu-Ulmer seitdem auch so etwas wie ein Pressesprecher. Ständig klingelt sein Handy, ständig erkundigt sich jemand nach seiner inhaftierten Schwester Mesale Tolu.

Seit Anfang Mai sitzt die in Ulm geborene und in Neu-Ulm lebende deutsche Übersetzerin nun im Frauengefängnis im Istanbuler Stadtteil Bakirköy, bislang durfte ihre Familie sie dort nicht besuchen. Am Montag bekam ihr Vater nun erstmals Zugang zu seiner Tochter. Er habe eine halbe Stunde mit ihr sprechen können und ihr auch den zweieinhalbjährigen Sohn übergeben können, der nun bei seiner Mutter im Gefängnis bleiben soll. Nach Angaben von Hüseyin Tolu sei es die Entscheidung der Mutter gewesen, dass ihr kleiner Sohn bei ihr bleiben solle. Nach über zwei Wochen Trennung von der Mutter habe sich auch der Zweijährige sehr über das Treffen gefreut. „Er hat seine Mutter umarmt und wollte sie nicht mehr loslassen“, berichtet der Bruder der Inhaftierten der SÜDWEST PRESSE.

Nach seinen Angaben sind die Bedingungen für den Zweieinhalbjährigen im Gefängnis gut. „Es gibt angeblich eine Art Kita für die Kinder der Inhaftierten sowie einen Spielplatz.“ Seiner Schwester gehe es im Frauengefängnis den Umständen entsprechend gut, sie habe sich schnell mit anderen inhaftierten Journalisten zusammengetan.

Festnahme in der Nacht

Weiter keinen Zugang zu Tolu hat das deutsche Konsulat. Am Dienstag hatte der Vater von Mesale Tolu dort einen wichtigen Termin, bei dem man den Stand der Dinge und das weitere Vorgehen besprechen wolle, so der Bruder der Inhaftierten. Er sei froh darüber, dass die Bundesregierung sich bemühe, Zugang zu seiner Schwester zu bekommen. Aber: „Ich kann nicht verstehen, warum Deutschland nicht schneller reagiert.“

Eine Anti-Terror-Einheit war in der Nacht zum 1. Mai in die Istanbuler Wohnung von Tolu eingedrungen und hatte die 33-Jährige vor den Augen ihres Sohnes festgenommen. Nach Angaben von Tolus Vater Ali Riza Tolu übte die Polizei „psychischen Druck“ aus: „Sie haben gesagt: Du bist eine deutsche Agentin.“ Am 5. Mai wurde Haftbefehl erlassen, Tolu wird vorgeworfen, Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP) zu sein, die in der Türkei als Terrororganisation gilt.

Die Staatsanwaltschaft habe als Indizien Fotos vorgelegt, die Tolu auf einer Gedenkveranstaltung für eine 2015 in Syrien getötete deutsche Kämpferin der kurdischen Miliz YPG zeigen soll. Nach Angaben des Bruders weist Mesale Tolu die Vorwürfe zurück. „Sie hat darüber gelacht“, berichtet er. Seine Schwester habe erklärt, sie sei gemeinsam mit einer Kollegin als Journalistin auf der Gedenkveranstaltung gewesen und habe darüber berichtet. Auf den Fotos sei lediglich zu sehen, dass Tolu die Veranstaltung besucht habe, sie sei aber nicht mit Symbolen der MLKP zu sehen.

Die Familie von Mesale Tolu rechnet damit, dass die deutsche Übersetzerin noch längere Zeit in U-Haft bleiben wird. „Ihr Anwältin geht davon aus, dass es noch mindestens sechs Monate dauert, bis es zu einem Gerichtsverfahren kommt“, sagt Hüseyin Tolu. Genau beobachtet wird die Situation auch am Anna-Essinger-Gymnasium. „Die Inhaftierung erfüllt uns mit Sorge, wir beobachten die Entwicklung sehr genau“, sagt Schulleiter Marius Weinkauf. Tolu legte an der Ulmer Schule ihr Abitur ab und sei den Lehrern als sehr aktive Schülerin in Erinnerung, so Leiter Weinkauf.

Unterstützung an vielen Orten

Kundgebung Der Unterstützerkreis für Mesale Tolu plant in dieser Woche noch Kundgebungen in Nürnberg, Kiel und Köln. In Ulm findet am Freitag um 17.30 Uhr eine Solidaritätskundgebung am Berblinger-Brunnen statt.

Fernsehen Am Mittwochabend (22.15 Uhr) ist Tolus Bruder Hüseyin Tolu außerdem zu Gast in der RTL-Sendung „Stern TV“. Dort berichtet er über die Situation seiner Schwester, zu Gast ist auch Ilkay Yücel, die Schwester des in der Türkei inhaftierten Welt-Korrespondenten Deniz Yücel.

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